Folge 23: Die unsichtbare Schwelle. Barrierefreiheit im digitalen Hochschulalltag

Wer auf dem Campus in der Sonne steht, braucht harte Kontraste auf dem Handy. Wer im Prüfungsstress steckt, scheitert an Behördendeutsch. Und die meisten Einschränkungen, mit denen Menschen täglich kämpfen, sieht man ihnen nicht an.

Barrierefreiheit betrifft also fast alle. Und trotzdem ist sie an Hochschulen oft noch das, was hinten runterfällt, zwischen Relaunch-Stress, knappen Budgets und Tausenden ungepflegten PDFs auf dem Server.

In Folge 23 von Inside Hochschulkommunikation schauen wir ehrlich hin. Was bedeutet Barrierefreiheit für Hochschulwebseiten wirklich, technisch, rechtlich und kommunikativ? Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich? Und warum ist das Thema auch für alle relevant, die gerade keine Einschränkungen haben?

Mit dabei: Oliver Gubba, Bereichsleiter Content Operations an der Frankfurt University of Applied Sciences, und Jule Fuchs, Expertin für barrierefreie Kommunikation bei MANDARIN.

Eine Folge für alle, die Hochschulkommunikation nicht nur richtig gut, sondern auch für alle zugänglich gestalten wollen.

Ina Teloudis 

Herzlich willkommen zu Inside Hochschulkommunikation. Dem Podcast für alle, die Hochschul- und Wissenschaftskommunikation gestalten, weiterdenken und vor allem auch mal hinter die Kulissen gucken wollen. Schön, dass ihr da seid.
Ich bin Ina Teloudis und ich brauche eine Gleitsichtbrille. Außerdem höre ich schlecht und damit bin ich in bester Gesellschaft. Ab Mitte 40 beginnt bei fast allen zumindest die Alterssichtigkeit. Jeder Vierte über 50 hat einen messbaren Hörverlust. Habe ich mich total erschrocken, als ich das gehört habe. Also keine abstrakten Randgruppen. Also ich nicht und die anderen natürlich auch nicht. Wir reden über unsere Alumni, über Professor:innen, über über Rektoratsmitglieder und über uns selbst, aber auch über Studierende. Wer auf dem Campus in der Sonne steht, der braucht harte Kontraste auf dem Handy, um was zu erkennen. Und wer im Prüfungsstress steckt, dessen Nervensystem scheitert einfach an Behördendeutsch. Ja, wie sieht's aus in Sachen Barrierefreiheit an Hochschulen und Unis? Was bedeutet Barrierefreiheit für unsere Websites, unsere Sprache, unser Mindset und vor allem auch für unsere digitale Wettbewerbsfähigkeit? Das besprechen wir mit zwei Gästen. Digital zugeschaltet sind einmal meine Kollegin Jule Fuchs, Expertin unter anderem für leichte Kommunikation bei MANDARIN.

Hallo Jule.

Jule Fuchs

Hallo Ina.

Ina Teloudis 

Und Oliver Gubba, Bereichsleiter Content Operations an der Frankfurt University of Applied Science. Hallo Oliver, schön, dass du Zeit hast.

Oliver Gubba

Schönen guten Morgen.

Ina Teloudis 

Wer seid ihr? Was macht ihr? Was ist so euer tägliches Doing?

Jule Fuchs

Ja, ich bin Jule Fuchs. Ich mache seit 25 Jahren was mit Medien. Ich habe angefangen im Internet bei WDR.de und bin über NDR.de dann zur Presse gekommen und habe ein Volontariat gemacht beim SHZ. Und habe dann, nachdem ich ein Kind bekommen habe, ins Marketing gewechselt und bin hier dann auch zur barrierefreien Information gekommen, was seit 2 Jahren festes Steckenpferd von mir ist, was auch ein bisschen mit meinem Privatleben zusammenhängt. Ich habe ein kleines Kind, Pony, ein deutsches Reitpony, das auch behindert ist, muss man so sagen. Es hat eine schiefe Schnute von Geburt an und ist daher ein bisschen eingeschränkt, ist aber sehr kinderlieb. Und mit dem habe ich sehr lange auch Kinderreiten gemacht, unter anderem auch mit Kindern mit Behinderung. Das hat meine, wenn ich offen bin, Berührungsängste sehr gesenkt und hat auch mein Interesse dafür geweckt, wie man Informationen, mit denen wir quasi geflutet werden, so aufbereiten kann, dass sie auch Menschen mit Behinderung verstehen und konsumieren können und darüber bin ich aber auch dazu gekommen, dass eigentlich das fast jeden betrifft, wie du schon sagst, Ina, in der Einleitung, dass wir, umso älter wir werden, ja auch immer mehr mit Einschränkungen zu tun haben, und zwar sehr individuelle Einschränkungen.

Von daher ist das ein Thema, was alle angeht. Ja, und ich finde das sehr wichtig. Von daher freue ich mich sehr, dass wir heute hier darüber sprechen.


Oliver Gubba

Ja, ich bin Oliver Gubba. Seit 1991 beschäftige ich mich mit erklärungsbedürftigen Produkten. Das heißt, ich habe angefangen mit Videospielen. PR und Übersetzungen von Handbüchern. Habe dann Zeitschriften gemacht für Videospiele, Kameras und weitere Dinge. War ein Jahr in Japan, habe da dann praktisch auf der Straße gestanden, konnte nichts lesen. Man lernt halt Zeichen und fühlt sich dann wie das Schulkind, das plötzlich lesen kann. 2 Jahre bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, dort Recruitment auf LinkedIn aufgebaut. Und jetzt seit 2013 bin ich bei der Frankfurt University of Applied Sciences, damals als noch Fachhochschule Frankfurt. Und seit dem ersten Tag habe ich mich im Grunde genommen dort nur noch mit der Webseite beschäftigt. Mache gerade den zweiten Relaunch. Ich habe Relaunch von TYPO 3, 4 Versionen nach oben. Diesmal geht es auf die 12. Und da ist das Thema Barrierefreiheit im Grunde genommen an jeder Ecke zu finden. Und ja, auch ich bin üfü (Über nfzig) und Augenlicht und Hören und ja, die situale Barriere, die man hat, wenn auf dem Bildschirm plötzlich blendet oder Ähnliches, man nur eine Hand frei hat. Das ist halt alles sehr präsent. Genau. Digital Demenz auch. Also die Künstliche Intelligenz. Digital Demenz. Ja, je mehr du dich auf KI und auf irgendwas verlässt, desto mehr vergisst du halt unterwegs.

Und das ist Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches. Gehört alles in diesen großen Themenbereich Barrierefreiheit mit rein. Man beobachtet es an sich selbst und man muss halt daran denken, dass auch andere Menschen dort bestimmte Herausforderungen haben, die wir adressieren müssen.


Ina Teloudis 

Du hast das Feld gerade schon aufgemacht, aber ich habe gedacht, bevor wir jetzt so richtig tief einsteigen, müssen wir einmal über Begrifflichkeiten sprechen. Barrierefreiheit ist ja so ein Begriff, der fast schon auch inflationär genutzt wird. Das ist so ein Buzzword, das man gerne mal reinschmeißt. Hat sich auch so ein bisschen abgenutzt, finde ich. So ein bisschen auch so wie Nachhaltigkeit. Wie steht ihr zu diesem Begriff Barrierefreiheit und diesen Begrifflichkeiten? Habt ihr da vielleicht auch schon ein bisschen fokussiertere Begrifflichkeiten? Entwickelt oder differenziert ihr das ganz doll oder sagt ihr, nee, da gehört alles rein? Jule, wie ist es bei dir?

Jule Fuchs

Also, Barrierefreiheit, muss ich sagen, ja, hat sich abgenutzt. Also wenn man das im normalen Gespräch sagt, dann gehen oft gefühlt die Ohren zu. Aber wenn man es dann runter bricht auf einzelne Beispiele, die quasi auch denjenigen betreffen, und das ist immer sehr individuell, dann merkt man schnell, dass das Thema eigentlich total aktuell ist, und zwar in jedem Leben. Also so andere Begrifflichkeiten. Man sagt immer Leichte Sprache und so, aber ich finde, das ist halt auch eher dann auf Texte gesehen und das ist auch nur ein kleines Feld. Also ich finde, Barrierefreiheit ist schon ein sehr großes Feld und eigentlich durchflutet es den ganzen Alltag.

Ina Teloudis 

Oliver?

Oliver Gubba

Uff, schwere Frage. Ja, ja, vor allen Dingen so riesig. Sobald du Barrierefreiheit sagst, gehen die Scheuklappen runter und um Gottes Willen, was willst du von mir? Wie viel Arbeit ist das? Und so weiter. Ich will ja dann was und dann müssen die Leute, die es umsetzen sollen, was lernen oder anwenden oder umsetzen und extra arbeiten. Und wie viele, wie viele Leute betrifft denn das überhaupt, was wir hier machen? Und da muss man halt sagen: Überleg mal, 10% aller Männer sind farbenblind. Das heißt, wenn du die Kontraste oder die Rot-Grün-Farbenblindheit ist das Häufigste. Wenn du halt in deinen Bildern grünen Wald zeigst mit roter Schrift drauf, Dann ist das jetzt schon für 10% aller Männer unter Umständen nicht sichtbar, nicht lesbar. Und was haben wir noch? Schwerhörigkeit, Allergien, Aufmerksamkeitsstörungen, Dyslexie. All das sind ja Dinge, die du den Leuten auch gar nicht ansiehst, wenn die dir gegenüberstehen. Also es gibt ja nicht nur sichtbare Einschränkungen. Du sitzt im Rollstuhl, du hast einen Stab dabei und man sieht es dir auf den ersten Augenblick an. Die meisten Leute haben eine nicht sichtbare Einschränkung oder nicht offensichtliche Einschränkung. Es gibt Leute, die mich jahrelang kennen und mich fragen: Aber du läufst halt komisch. Es ist ihnen bisher nicht aufgefallen in dieser Art und Weise, dass ich eine körperliche Einschränkung habe, die da ist, aber mich jetzt halt nicht weiter beschäftigt. Also abgesehen von der Brille. Ich bin grottenolmenblind, wenn ich die Brille abnehme. Das ist ja auch ein Mittel der Barrierefreiheit, die Brille. Allein die Tatsache, dass wir das Glück haben, Glas auf den Augen tragen zu dürfen, das es möglich macht, dass wir den Löwen, der da hinten kommt, sieht. Das ist ja schon Barrierefreiheit und der Curbside-Effekt, also sprich eine Absenkung des Bordsteins, auch das ist Barrierefreiheit, weil du nicht mehr drüber stolperst, sondern mit dem Kinderwagen auf den Bordstein kommst und ähnliche Dinge. Also Barrierefreiheit ist ein riesengroßes Thema und alles, was meine Klientel, also Webredakteurinnen und -redakteure, sieht, ist Arbeit.

Ina Teloudis 

Aber ist das auch so ein Punkt, den ihr kommuniziert, wo du sagst, okay, das haben aber mittlerweile alle verstanden, warum wir das brauchen? Oder ist es immer noch so ein bisschen die Ohren gehen zu? Also du sollst jetzt ja auch nicht so doll aus dem Nähkästchen plaudern, aber es ist ja, weil Jule sagte das auch gleich eingangs, es ist ein Thema.

Oliver Gubba

Ja, also was wir gemacht haben, ist, dass wir versucht haben, Verständnis aufzubauen. Das heißt, wir hatten interne TYPO3 Days mittlerweile, so zwei Veranstaltungen, einmal online, einmal direkt in der Halle in Präsenz. Und da waren Experten für Barrierefreiheit zugeschaltet. Zum einen hatten wir Jessica Chambers aus England, die haben wir aufgezeichnet, haben sie untertitelt. Die Frau spricht kein Deutsch, Also haben wir versucht herzustellen, durch Untertitelung bist du in der Lage, auch wenn du kein Englisch sprichst, dieser Veranstaltung zu folgen. Das war großartig. Die Leute kamen raus und haben verstanden, warum Videos untertitelt sein müssen. Die zweite Sache war, in Präsenz hatten wir den Claudio Zeni aus der Schweiz zugeschaltet. Der Claudio ist seit Geburt blind. Ja, und dann hat er uns gezeigt, wie er eine Webseite eines großen Onlinehändlers sieht. Und das war für die Leute— ich wurde noch Monate danach darauf angesprochen, Ich habe noch nie verstanden, was der Grund jetzt ist und wie jemand, der nicht sehen kann, also der gar nichts sehen kann, Dinge wahrnimmt. Was wir halt tun müssen, ist versuchen, den Leuten zu erklären, das sind die Gründe, warum wir das machen. Und ja, es ist halt auch so traurig.

Der größte blinde Nutzer, den wir haben, ist Google. Das heißt, die Suchmaschinenoptimierung, über die kriege ich die Leute einfacher als mit dem Hinweis: Ja, wir haben eine Anzahl von x blinden Studierenden, die brauchen eure Unterstützung. Und wir wollen ja auch unter Umständen auch weiteren Leuten die Chance geben zu studieren. Wir machen ja Bildung und wir wollen, dass jeder und jede in der Lage ist, diese Bildung auch zu genießen, diese Serviceleistung, die wir als Hochschule anbieten, wahrzunehmen. Und das ist nicht erst in dem Augenblick der Fall, in dem die bei uns im Hörsaal sitzen und Unterstützung brauchen. Das mag uns erschrecken, weil teilweise kommen diese Leute und sind dann da und keiner wusste es vorher. Also das hatten wir an der Hochschule schon. Es war niemand darauf vorbereitet, dass ein Begleithund jetzt plötzlich mit dabei ist oder dass eine blinde Person die Vorlesung betritt. Das heißt, für die Lehre haben wir da bestimmte Mechanismen, die da sind, die Möglichkeiten, dass Lehrende sich an eine Begleitstelle bei uns im Haus wenden und die Lehrunterlagen barrierefrei erstellt kriegen. Aber für die Verwaltung haben wir das nicht. Und die Verwaltung ist halt alles, was die Internetseite betrifft.

Jule Fuchs

Kannst du das nochmal genauer spezifizieren, wie du das mit Google meinst? Also, dass Google das nicht sieht?

Oliver Gubba

Google sieht Text. Also wenn ich eine barrierefreie Seite habe, habe ich in der Regel auch eine gut vorbereitete Seite für die Suchmaschine. Und diese Dinge, die wir sagen, hör mal zu, wenn du ein Video auf die Seite stellst und das hat keine Untertitel oder es hat kein Transkript, dann ist das für Google unsichtbar. Weil Stand heute geht Google ja noch nicht durch dieses Video und zieht sich den Text, sondern es ist ein einfach da. Da ist ein tolles Video, da erzählen schlaue Leute ganz viele Dinge. Aber für die Suchmaschine ist das unsichtbar. Wenn du nicht erklärst, was auf dem Foto drauf ist mit dem sogenannten Alt-Text, dann sind diese Dinge unsichtbar für die Suchmaschine. Wir müssen nicht alle Bilder erklären. Wenn das so ein dekoratives und Larifari-Foto ist, dann brauchst du dir da die Mühe nicht zu machen. Aber wenn es halt wichtig ist für das Verständnis, wenn die Leute sehen müssen, was auf dem Bild da ist, dann ist das eine Sache, die halt auch für die Suchmaschinenoptimierung hochgradig wichtig ist und wirksam ist. Also sprich Video nur mit Transkript, Bilder, wenn sie wichtig sind, mit Alttexten und die Texte dann doch bitte so erklärt, dass sie halt für die Zielgruppe ordentlich sind und sie die Informationen findet, die sie braucht.

Jule Fuchs

Ist es das, was du am Anfang auch sagtest, dass dir bei dem Relaunch auf TYPO3 12 die Barrierefreiheit quasi auf jeder Ebene begegnet? Ist das genau das, was du gerade gesagt hast, oder? Verbirgt sich da noch mehr?

Oliver Gubba

Da verbirgt sich ein Riesen-Rattenschwanz hintendran. Also das beginnt ja schon, dass wir hier in Deutschland Gesetzen unterliegen. Und diese Gesetze, das ist das Behindertengleichstellungsgesetz, die Barrierefreie Informationstechnikverordnung BITV 2.0, das Onlinezugangsgesetz, die jetzt ganz neu, dieses Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, also die European Accessibility Act, das hessische Hochschulgesetz und so weiter. All das schreibt uns ja vor, wenn ihr Sachen auf einer Internetseite anbietet, dann muss das barrierefrei sein. Die ganzen Landesgesetze sind genauso. Schon bei der Ausschreibung müssen wir entsprechend formulieren, müssen wir prüfen und wir dürfen nur Personen für die Umsetzung beauftragen, die Barrierefreiheit verstehen. Das heißt, wenn ich mich heute als Agentur um einen Auftrag einer Hochschule oder einen Auftrag einer staatlichen Stelle bewerbe, dann sollten meine Programmierer von der WCAG 2.2 schon was gehört haben. Stand heute unterliegen wir noch 2.1, aber die neuen Kriterien von 2.2, die werden voraussichtlich dann im Herbst die Grundlage sein, wie das weitergeht. Und die WCAG ist die Grundlage für das, was wir hier machen. Also Web Content Accessibility Guidelines. So, und Stefanie Walter hat davon auf Basis von Melissa Morse von CCPI eine interessante Sache gesagt, dass die WCAG ist das Kochbuch mit den Rezepten. Also das ist der globale Standard.

Oliver Gubba

So, dann hast du den European Accessibility Act und Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, das ist das Nahrungsmittelsicherungsgesetz.

Ina Teloudis 

Okay.

Oliver Gubba

Die Durchsetzung der Barrierefreiheit auf europäischer und lokal deutscher Ebene. Und das wird von den EU-Staaten durchgesetzt und hoffentlich gibt es dann auch irgendwann messbare Sanktionen für die Nichteinhaltung. Da sind wir in Deutschland noch ein bisschen hinten dran. Und dann gibt es diese EN 301 549, das ist die Prüfliste als Nachweis, dass diese Rezepte aus der WCAG auch wirklich umgesetzt umgesetzt werden. So, und jetzt müssen wir uns als Hochschule, als staatliche Einrichtung, auf die BITV 2.0 zurücklehnen, und die privaten Firmen müssen das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz berücksichtigen. Und die weisen beide darauf hin, dass man diese EN 301 549 im Grunde genommen auswendig kennen muss und stets den aktuellen Stand in dieser Anleitung beschränken muss. So, Stand heute ist WCAG 2.1 und die gilt seit 2018 mit 50 Kriterien. Damals 2018 wurde der Fokus mit auf mobile Anwendungen gelegt. Also sprich, deine Webseite muss auf dem Handy gut aussehen. Und das sind jetzt die Sachen, die wir berücksichtigen müssen. Und die 2.2, die wird voraussichtlich im Herbst Grundlage sein. Und dann kommen halt noch mal 6 neue Kriterien und ein Kriterium wurde gestrichen. Da wird dann der Fokus gelegt auf kognitive Einschränkungen und Lern-Einschränkungen sowie motorische Einschränkungen. Dann werden die Fokus-States, also sprich, du weißt immer, wenn du mit der Maus dich auf der Internetseite bewegst, wo ist dein Mauszeiger gerade, weil sich irgendwelche Elemente halt durch den Rahmen optisch verändern.

Das wäre ein Fokus-State, dass das zur Pflicht wird. Und da denken wir jetzt gerade dran. Also wir werden, wenn alles gut geht, noch vor der Erstsemestereinführung im Oktober mit dem Relaunch rauskommen und dort haben wir all diese Dinge mit berücksichtigt und umgesetzt. Und wenn du halt heute als Dienstleister der Öffentlichen Verwaltung damit machst, dass dein System oder deine Dienstleistung nach WCAG 2.0 barrierefrei ist, sorry, seit 2018 gilt 2.1, 2.0 war von 2008. Also jetzt bin ich ja schon auf dem Stand, da muss ich mal ganz genau hinschauen, ob du der richtige Dienstleister für mich bist.

Ina Teloudis 

Denkst du, das ist überall so angekommen, auch bei den Hochschulen?

Oliver Gubba

Bei den Leuten, die da sitzen und diese Relaunches machen müssen, also sprich die Webseite betreuen, ist es mit Sicherheit angekommen. Ist es bei der Führungsebene angekommen? Wird da entsprechend Geld dafür bereitgestellt? Ist eine Frage, die unter Umständen nach Bundesland beantwortet werden muss, weil die einen Bundesländer, die verschicken Prüfberichte, also alle Webseiten müssen geprüft werden, als staatliche Einrichtungen müssen ihre Webseiten zur Prüfung bereitstellen. Und da gibt es ein Auswahlverfahren, so eine Art Lotterie, und dann kann es sein, dass du irgendwann dran bist, und dann gucken die nach, ob du das gemacht hast. So, und je nach Bundesland kriegst du dann unter Umständen Post mit einem Prüfbericht. Bei uns war der Prüfbericht, der kam, 180 Seiten lang. Und das war für mich damals auch einer der Gründe, mich tiefer mit dem Thema zu beschäftigen. In anderen Bundesländern kriegst du ein Datum, bis wann du diese Mängel beseitigt haben musst. Das ist in Hessen nicht der Fall. Da wird auf die Freiwilligkeit und das Einsehen von den Verantwortlichen der Webseite halt Wert gelegt.

Jule Fuchs

Und sag doch mal, wie groß ist denn das Team bei euch, mit dem ihr das macht und auch umsetzt? Bzw. wie viele davon wissen genau, was sie tun, was Barrierefreiheit angeht?

Oliver Gubba

Hier sind wir wieder bei dem Grundproblem aller Hochschulen. Wir sind ein Kernteam im Web-Bereich von 2,6 Vollzeitäquivalenten. Und ich habe circa 230 bis 280, je nach Jahreszeit und Lust, aktive Redakteurinnen und Redakteure. Das sind Personen, die sich in den letzten 6 Monaten einmal angemeldet haben in TYPO3. Das heißt nicht, dass sie irgendwie was gemacht haben. Sie haben sich einmal angemeldet. So, und wenn wir jetzt relaunchen, haben wir festgelegt, okay, es kommen nur noch geschulte Leute in das System rein und die Grundzüge dessen, was sie berücksichtigen müssen, erklären wir in der Schulung. Bei uns heißt Moodle Campus Open Air ist, also sprich, die Leute können sich das 24/7 angucken mit Videos, mit Textbeschreibung und da ist das alles erklärt. Das ist das Ziel. So, jetzt habe ich aber die Problematik, dass im Grunde genommen ich versuchen muss, alles, was nicht von einem Menschen gemacht wird, über das System abzufedern. Das heißt, ich bin dankbar, dass ich TYPO3 habe, weil ich das unheimlich gut einstellen kann auf diese Riesenzahl an Redakteurinnen und Redakteuren und an die unterschiedlichen Kenntnisse, die diese Leute auch haben in allen Bereichen. Das beginnt bei einer einer Dekanatssekretärin geht bis hin zum Professor, der seine Institutsseite selber pflegen möchte.

Also das sind aus allen Ebenen, von unseren 1000 Leuten, die bei uns Geld im Haus kriegen, sind 230 aktiv in TYPO3. Und wir sind ja mit 15.000 Studierenden eine relativ kleine Hochschule, das geht noch mehr. Es gibt andere Hochschulen, bei denen sind 1000 Leute im System oder 2000 Leute. Und da muss ich halt sehen als Betreiber der Internetseite, dass ich das runterbreche auf: Was ist jetzt das Problem, dass ich den den Leuten auf den Weg geben kann. Das müsst ihr machen. Und was nehme ich raus, dass sie sich nicht drum kümmern müssen? Also für mich ist es ganz wichtig, dass TYPO3 so eingestellt ist, dass wenn du eine Vorlese-Software benutzt, dass du direkt zu dem wichtigen Teil auf der Seite springen kannst, dass das da ist, wenn wir launchen. Also ich habe meinen Prüfbericht im Grunde genommen in 4 Dinge aufgeteilt. Was müssen meine Redakteur:innen können? Was muss die Technik sein? Also wurde WCAG Level 2.1 AA umgesetzt? Dann Corporate Design, kann ich so viel predigen, wie ich möchte. Macht eure Farben bitte barrierefrei und so weiter. Ich muss mich darum kümmern und muss versuchen, da anzugleichen. Und unter Umständen hat das auf meiner Webseite Konsequenzen, an die niemand gedacht hat, als dieses CD bei uns mit Dreiecken gemacht wurde.

Oliver Gubba

Und dann gibt es eine ganz witzige vierte Kategorie, die ich angelegt habe aus dem Prüfbericht. Die heißt Probleme anderer Leute. Wer Douglas Adams kennt, das berühmte Problem anderer Leute. Entzieht sich das dem Einflussbereich meines meiner Hochschule.

Ina Teloudis 

Das Problem anderer Leute, was ist denn das? Kannst du da ein Beispiel machen?

Oliver Gubba

Ja, also je länger ich drüber nachdenke, desto mehr denke ich, ist es doch mein Problem. Also kann ich es beseitigen, indem ich den TYPO3-Entwickler meines Vertrauens beauftrage, es zu ändern? Oder muss ich nach einer anderen technischen Lösung suchen? Statt der Terminsoftware X, die eingebaut ist, muss ich die Terminsoftware Y verwenden, weil deren Webseite barrierefrei ist. Oder Habe ich ein bisschen Geduld und Hoffnung, dass das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz irgendwann mal seine Aufgabe erfüllt und auch große amerikanische Unternehmen ihre Software barrierefreier anbieten, als sie es im Moment ist. Typisches PAL-Ding ist halt, du bindest die Terminplanung ein, du bindest Videos ein, da kommen die Daten von irgendwo anders auf deine Webseite. Nicht barrierefreie PDF auf externen Plattformen. Barrieren in der Bedienung von eingebetteten Drittanwender Tools, Kalender, Karten und anderer Inhalte. Das waren im Grunde genommen die wichtigsten Sachen. Ich habe ja unseren Prüfungsbericht damals durchgeguckt und habe, als ich das erste Mal am TYPO3 University Day vor 2 Jahren über das Thema Barrierefreiheit von Hochschul Webseiten geredet habe, habe ich mir halt Barrierefreiheitserklärungen von anderen Hochschulen angeguckt. Und es ist überall dasselbe. Die Nummer 1 sind die nicht barrierefreien PDFs.

Ina Teloudis 

PDF, das ist ein großes Thema.

Oliver Gubba

Ja, das ist ein großes Thema. Und ich hatte ja gesagt, wir sind eine relativ kleine Hochschule. Ich habe hier 6000 Content-Seiten. Gestern habe ich Screaming Frog mal wieder drüber laufen lassen. 4200 PDF-Dateien sind öffentlich zugänglich. Es sind deutlich mehr auf meinem Server. Wenn ich jetzt eine große Hochschule bin mit 47.000 Seiten, habe ich auch 8000 Bilder. Ich habe als große Uni mit 28.000 Seiten 4400 PDFs. Es geht auch noch wesentlich größer. 140.000 Seiten, 7.200 PDFs. Dann hat der Indexkrimi-Vogt irgendwann gesagt: Ich will nicht mehr zählen, der Speicher ist voll, lass mich in Frieden.

Ina Teloudis 

Fassen wir zusammen: Es ist eine ganze Menge.

Oliver Gubba

Es ist eine ganze Menge und es ist halt dieses ganze historische Zeug. Darunter war Additive Schlüsselkompetenzen 2013, ein PDF mit 93 Seiten. Du hast den Modebericht Praktika, einseitig von 2016. Dann hast du 683 Erfahrungsberichte, die alle PDFs sind. PDF-Dateien sind von Auslandssemesterbeiträgen. Das ist jetzt nicht bei uns, aber das ist bei anderen Hochschulen der Fall gewesen. Ich habe ähnliche Dinge. Ich habe Lehrpläne, die sich bei der Erstsemestereinführung beispielsweise ändern, 5, 6, 7 Varianten, und die werden alle brav hochgeladen und nie wieder weggelöscht.

Jule Fuchs

Okay. Aber Oliver, du hast jetzt ein großes Bild kartiert, auch, ne, also Hochschullandschaft als auch euch selbst. Und du hast am Eingang gesagt, das ist so ein bisschen wie so ein Rabbit Hole, und du hast eigentlich permanent das Gefühl, hinterherzurennen. Hast du dann das Gefühl, wenn du jetzt den Relaunch hoffentlich September abgeschlossen hast, dass du dann ein bisschen mal voraus bist? Oder wird das Rabbit Hole einfach immer tiefer und ausgedehnter?

Oliver Gubba

Okay, PDF-Dateien ist ein Ding, das betrifft uns alle. Ja. Und wir müssen eine pragmatische Lösung finden, wie wir damit umgehen. Seit 2018 sind wir verpflichtet, dass die PDF-Dateien barrierefrei sind. Letztendlich für mich ist jetzt alles, was mit dem Tag des Relaunches neu hochgeladen wird, entweder die PDF-Datei ist barrierefrei oder es gibt ein barrierefreies Äquivalent. Also am einfachsten ist es, die Inhalte dieses PDFs sind auf der Webseite noch mal als HTML hinterlegt und für jemanden, der eine Vorlese-Software hat, ist das brauchbar. Ich habe keine Möglichkeit hinzugehen, zu sagen, okay, die 6000 PDF-Dateien auf meinem Server, die historisch sind, die fasse ich jetzt an und mach das. Was wir gemacht haben, ist, dass wir gesagt haben, okay, unsere Prüfungsordnung, da sind die Modultafeln drin. Ich habe dort die Word-Dokumente gekriegt, habe die als MD abgespeichert, habe sie in Claude rein gepackt. Claude hat mir eine XML-Datei gemacht und ich habe jetzt eine wunderschöne Datenbank von all meinen Modultafeln. Das ist eine Möglichkeit, wie ich das mache. Also ich versuche halt, diese Daten irgendwie aus dem PDF in TYPO3 reinzukriegen. Die zweite Möglichkeit ist: Weglöschen. Weg mit allem, was nicht gebraucht wird, was historisch ist. Die Einladung zur Frauenvollversammlung mit einem schönen Bild und der Unterschrift, das braucht keiner, wenn die vor 6 Jahren ist.

Oliver Gubba

Das brauche ich nicht mehr, das kann weggelöscht werden. Also sprich, die Redakteur:innen, wenn ihr jetzt umzieht— bei uns muss jeder Redakteur seine eigenen Inhalte selbst umziehen von TYPO3 8 auf 12— guckt, was weg kann, löscht weg, was weggeht. Die Sache ist ja die: Wir nicht im freien Raum, sondern wir als Hochschulen in Deutschland, wir konkurrieren ja nicht nur mit uns als Hochschulen in Deutschland, sondern wir konkurrieren mit Hochschulen auf der ganzen Welt. Und da sind wir jetzt bei der Sache, dass in Amerika der Title II umgesetzt werden muss. Wenn wir Kamala Harris als Präsidentin hätten und Demokratie da noch großgeschrieben würde, dann wäre das seit 2026, April, der Fall für größere Hochschulen. Da müssen auch die historischen PDF-Dateien barrierefrei sein.

Jule Fuchs

Sagst du bitte kurz, was der Title II ist?

Oliver Gubba

Das Department of Justice hat 2024 eine Entscheidung an alle Hochschulen kommuniziert. Hört zu, ab dem 24.04.26 bzw. ein Jahr später für kleine Hochschulen, müssen eure Inhalte barrierefrei sein. Diese Fristen wurden am 11.05. dieses Jahres um ein Jahr nach hinten geschoben. Aber letztendlich hat die aktuelle Regierung entschieden, das ist ein Thema, das brauchen wir nicht. Und der Blindenverband hat dagegen schon geklagt. Betroffen sind alle staatlichen Einrichtungen inklusive der Public Universities und deren Vertragspartner, auch bezüglich der Erstellung der Webinhalte. Und da müssen die Webapplikationen also die Apps, die du am Handy hast, und die digitalen Dokumente wie Präsentationen, Spreadsheets, Word-Files, den Anforderungen in den Web Content Accessibility Guidelines 2.1 entsprechen. Und das betrifft auch, Achtung, jetzt wird es lustig, das betrifft auch Video, Audio und Social-Media-Posts.

Ina Teloudis 

Okay.

Oliver Gubba

Das heißt, in Amerika wird gesetzt, im Fall, es passiert jetzt nichts Böses mehr, Nächstes Jahr die Latte extrem hoch gehängt. Und das ist ja nicht nur Amerika, auch in England kriegen Hochschulen Briefe, dass sie 3 Monate Zeit haben, ihre Webseite barrierefreier zu gestalten, weil sonst der nächste Brief mit Ärger kommt. Und dementsprechend müssen wir als Hochschulen ja darüber nachdenken, wenn wir international mitspielen wollen, wenn auch wir Exzellenz-Unis sind, die Studierende aus dem Ausland haben wollen, Und diese anderen Länder sich darum kümmern, dann müssen wir das ja auch. Und das war die Hoffnung, dass in dem Augenblick, in dem halt der Title II umgesetzt wird, auch hier rüber schwappt nach Europa. Hallo, da ist ein bisschen mehr dahinter als: Ja, ist halt so, das mag gut sein, passiert uns ja eh nix. In Colorado beispielsweise ist das mittlerweile schon seit einem Jahr Pflicht. Also die warten gar nicht auf Title II, die haben das früher umgesetzt.

Jule Fuchs

Und hast du das Gefühl, dass es hier eher beschleunigt oder dass es hier eher für Stress sorgt oder für Wegducken? Wie hast du das Gefühl? Dass Europa bzw. Deutschland darauf reagiert?

Oliver Gubba

Dieses Seufzen, glaube ich, lassen wir drin. Wird nicht rausgeschnitten. Unter keinen Umständen. Also der Punkt ist, wir unterliegen ja diesen gesetzlichen Vorgaben und die Erstellung barrierefreier PDFs ist keine unverhältnismäßige Belastung. Das ist ja dieses Hintertürchen, das uns offengelassen wird als staatliche Einrichtung. Wenn ihr unverhältnismäßig keine Belastung darstellen können, müsst ihr euch nicht drum kümmern. Und das ist es halt nicht, weil es ist ein Ausbildungsproblem letztendlich. Wir könnten die Leute ja, die die PDF-Dateien erstellen müssen, ausbilden und dann wissen die, wie das geht. Das Problem ist nur, dass diese Kommunikationschance da nicht wahrgenommen wird von den Prüfungseinrichtungen, also den Landesprüfstellen. Wir stehen alleine da. Jeder arbeitet für sich, jeder muss gucken, wie er diesen riesen Schulungsbedarf, der da ist, in sein Haus rein trägt. Und wäre doch eine coole Sache, wenn sich die Überwachungseinrichtungen rauspicken, was sind die wichtigsten Punkte, und PDF ist einer der wichtigsten Punkte, und dann den staatlichen Einrichtungen entsprechendes Schulungsmaterial zur Verfügung stellt. Und das bitteschön zu einem Kostenpunkt, von dem ich sagen kann, ja, das kriege ich hin bei 280 Redakteurinnen, dass wir die Leute dahin schicken. Und das ist ja jetzt nicht nur die Hochschule, das ist die städtischen Einrichtungen. Da war ja jetzt vor Kurzem so ein Test, wie barrierefrei sind die Webseiten abseits von Städten.

Da wurden 80 Städte getestet und die sind, glaube ich, alle durchgefallen. Die haben genau dieselben Probleme bei einem PDF an erster Stelle und dann geht es weiter und dann sind ja noch weitere Einrichtungen. Wenn du dir das anguckst, dann wäre das für mich ein Riesending zu sagen, okay, wir als Prüfeinrichtung, wir sorgen dafür, dass die Verwaltung barrierefreie PDFs erstellen kann. Und dann ist einer der größten Kernpunkte, der jedes Mal durchfällt. Eine Webseite ist ja nur barrierefrei, wenn sie alle Anforderungen der BITV erfüllt. In der bitv sind barrierefreie PDFs 2%, glaube ich. Also es ist wirklich ein vernichtend kleiner Teil. Aber sie sind die große Masse der Inhalte auf meiner Seite, von denen ich weiß, dass wir da Probleme haben. Wenn wir das hinkriegen würden, wäre cool.

Jule Fuchs

Ich höre da jetzt so raus, dass ihr euch oder du dich auch sehr alleine fühlst, also dass es wenig Unterstützung gibt. Wir hatten im Vorgespräch schon mal so ein bisschen über Lösungen KI gesprochen. Wie zuverlässig empfindest du das? Kannst du das nutzen? Wie viel 10% deiner Arbeit erleichtert das unter Umständen. Also wie schätzt du KI als Erleichterung, als Tool ein, um der Barrierefreiheit gerechter zu werden oder schneller gerecht zu werden? Auf welchem Feld?

Oliver Gubba

Stand heute null.

Jule Fuchs

Ich bestätige das.

Oliver Gubba

Weil der Punkt ist, KI macht keine Barrierefreiheit, Stand heute. Gemeinsam haben sich alle Prüfstellen da positioniert Wir als Hochschule, wir müssen einen Internetauftritt haben, der ohne das Ding barrierefrei ist. So, und ich verstehe die Kommunikationspolitik da in der Hinsicht nicht. Ich meine, wir haben jetzt bei Barrierefreiheitsstärkungsgesetz haben wir eine Marktüberwachungsstelle in Magdeburg. Seit September angeblich tun die irgendwas. Die haben noch nicht mal eine eigene Webseite. Was ist das Erste, was du als Unternehmen machst, wenn du deine Dienstleistungen raus packen willst? Du machst eine Webseite. So, da sind so viele verlorene Möglichkeiten, die man machen könnte. Wir als Hochschulen, Achtung, wir sind ja jetzt hier im Hochschulkommunikations-Podcast. Vielleicht gibt es demnächst einen neuen Arbeitskreis Barrierefreiheit, der sich da noch mal tiefer mit rein packt, der die Grenzen der Bundesländer überschreitet. Ich habe jetzt das Problem, ich sitze in Hessen. In anderen Bundesländern gibt es da schon kleine Zusammenschlüsse, die sich miteinander austauschen und hin und wieder kriegen wir es mit und sind mal eingeladen. Ich bin sehr dankbar der University of Iowa, dem Kollegen Weißenberger oder Janet Sims von Harvard. Die haben mich reingucken lassen in Unterlagen von denen. Von denen haben wir einiges mitnehmen können. Also Amerika ist da sehr freigiebig mit. Aber wir in Deutschland haben halt immer dieses: Ja, das ist Arbeit und da Gemeinschaften oder Arbeitskreise zu machen und da muss man sich treffen und das dann womöglich auch öffentlich darstellen. Das ist nicht so unser Ding in Deutschland. Und die Ursprungsfrage war: Kann KI helfen? Nein, stand heute nicht, weil ich habe kein Geld für KI. Ich habe den Copilot im Büro in der Basisfunktion. Was wir jetzt gemacht haben mit den Modulhandbüchern, ist, dass wir einen Monat LOD gekauft haben. Aber ich muss ja bei der IT-Einführung jetzt schon wieder die ganzen Unterlagen bei schaffen und so weiter. Also es ist nichts, was ich einführen möchte bei uns im Haus. Ich habe kein Geld für irgendwelche Überprüfungssoftware, weil der Etat für das Web halt relativ klein ist. An anderen Hochschulen sieht das anders aus, aber jetzt in Hessen oder HAWs allgemein ist halt das Geld nicht so in dem Maße da wie unter Umständen bei Universitäten.

Ina Teloudis 

Wie siehst du das, Jule, so mit Agentur Brille auf? Also intern ist KI natürlich auch ein Riesenthema und wir sprechen in den unterschiedlichsten Anwendungsfällen und Beispielen davon und das ist auch sehr divers. Aber du hast ja auch gleich gesagt, kann ich unterschreiben, KI ist jetzt nicht die Lösung für Barrierefreiheit.

Jule Fuchs

Ich komme ja nur aus der Richtung barrierefreie Information, sprich auch Kommunikation. Und ich finde, KI kann eine Grundlage geben, zum Beispiel wenn man Text übersetzt. Aber sie ist bei Weitem nicht in der Lage, jede Individualität, auf die du eingehen möchtest und auch musst, mit reinzubringen. Das heißt, du musst alles kuratieren. Und das Feld barrierefrei zu kommunizieren ist einfach auch so groß, dass man schon bestimmt KI-Agenten bauen kann, die bestimmte Felder abdecken, aber einfach nicht in der Individualität, in der es gefordert Wert ist. Also ohne den Menschen ist es nicht möglich, barrierefreie Webauftritte zu schaffen. Ich rede jetzt nur vom Teil Kommunikation.

Ina Teloudis 

Also leichte Sprache ist ein gutes Beispiel. Also es ist ja einfach nicht: Hau mal die Pressemitteilung rein und ich kriege es dann in leichter Sprache raus. 2 Minuten später, weil wir geben der KI ein bisschen Zeit.

Oliver Gubba

Das funktioniert nicht.

Jule Fuchs

Nein.

Ina Teloudis 

Okay.

Oliver Gubba

Also es funktioniert ja schon nicht, wenn du eine Datenschutzerklärung über ChatGPT laufen lässt. Übersetz mir das mal, weil ChatGPT „Kürzt" und dann kürzte ChatGPT die rechtlich relevanten Teile raus. Also insofern bin ich da extrem vorsichtig. Dann erreichst du wieder dein Limit an Credits, die du hast, und dann kannst du erst in 2 Stunden weitermachen oder 4 Stunden.

Jule Fuchs

Ich kann noch aus dem echten Leben erzählen. Ich habe bei CAPITO meine Zertifizierung gemacht und da haben wir auch in einem Kurs alle möglichen KI-Tools, die uns eingefallen sind, durchgespielt und haben die Ergebnisse verglichen. Und wir waren alle nicht überzeugt von den Ergebnissen, weil es einfach, wenn du etwas in leichte Sprache übersetzen möchtest, da gibt es ja noch A1, A2, dann musst du ja auch die Informationen ganz anders aufbauen. Das heißt, du hast einen ganz anderen roten Faden, als du ihn so hast. Und das fängt schon damit an, dass wir versucht haben, juristische Texte zu übersetzen, die ich schon alleine nicht verstehe, die ich schon dreimal lesen muss, um sie zu verstehen, und sie dann noch in leichte Sprache zu übersetzen. Also wir haben schon echt viele Experimente da gemacht und auch viel mit KI experimentiert. CAPITO hat selber eine KI, die sie entwickelt haben, und auch die setzen sie nicht einfach ein, sondern es ist immer nur ein Anfang, eine Orientierung, die gegeben wird, die dir am Ende aber nicht mal eine Zeitersparnis ist, weil du es einfach noch mal selber machen musst. Also es kann ein Anfang sein, aber am Ende hängt es immer am roten Faden, der meistens nicht vorhanden ist in der Form, wie du ihn brauchst.

Oliver Gubba

Ich denke, dass die KI uns wirklich gut helfen kann beim Redigieren von Seiten. Gibst du ihnen ein Regelset, also ich mache eine ClaudeMD-Datei und pack da meine Regeln rein, wir werden als Frankfurt University of seien sie es immer als Frankfurt UAS und nie als F.U.A.S. abgekürzt. Das ist eine coole Sache. So, wenn ich noch mal zurück darf, kurz zur Leichten Sprache, Einfachen Sprache. Und die BITV ist ja so, dass sie über die BCAG noch ein bisschen hinausgeht und den Hochschulen sagt, ihr müsst eine Seite in Leichter Sprache haben und ihr müsst Videos anbieten für Gehörlose. Also die Hochschule der Künste folgt Campus Open Air, die hat jetzt letztes Jahr Videos in Gebärdensprache umgesetzt, also mit Untertiteln und mit Gebärdensprache. Die sind großartig. Also das als Beispiel zu nehmen, wo man hin soll, also was das Optimum ist. Es gibt einige Hochschulen, die haben was gemacht. Aber das Problem ist ja, dass das ist eine Seite, die uns gesetzlich vorgegeben wird. Also es ist wieder dieser Riesen Arbeitsteil, mein Content allgemein, und ich muss eine Seite in Leichter Sprache vorhalten in Gebärdensprache. Okay. Das ist ein riesen Arbeitsaufwand. Aber ich habe 6.000 andere Seiten. Was ist denn mit denen?

Also mein Fokus muss doch auf diesen 6.000 anderen Seiten letztendlich liegen, dass die zielgerichtet sind, dass sie demjenigen, der die Informationen braucht, den Mehrwert liefert, den er benötigt, er oder sie.

Jule Fuchs

Du hast gerade gesagt demjenigen. Wer ist denn derjenige oder diejenige? Wer ist denn eure Zielgruppe? Also ich finde, es sind ja nicht nur Menschen mit Einschränkungen jeglicher Art, sondern es betrifft ja auch Menschen mit Behinderungen, du ja auch irgendwie jeden. Also wen hast du da im Blick, wenn du an Barrierefreiheit denkst? Große Frage.

Oliver Gubba

Ich habe 6000 Content-Seiten und jede Seite hat ihre eigene Zielgruppe. Die eine Seite richtet sich an Studieninteressierte, die andere richtet sich an die Öffentlichkeit. Dann haben wir dann irgendein Event, wo wir wollen, dass möglichst viele Schulkinder kommen. Der Fokus bei uns liegt wirklich daran, was technisch geht, machen wir technisch. Und der Rest ist Redakteursarbeit, dass die Redakteure sich überlegen, für wen schreibe ich das? Wie ist meine Wortwahl in dem Augenblick, wenn ich für Leute schreibe, die gerade Deutsch lernen, dann muss ich gucken, dass ich mich runter regele und nach dem EU-Rahmen halt nicht C1 oder C2 verlange, sondern meine Texte auf B1-, B2-Format schreibe und nicht als— unser wunderschönes Beispiel— als Kontaktanzeige. Was in der Kontaktanzeige steht, wenn man sich daran erinnert, versteht ja schon die Hälfte derjenigen, die mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen sind, verstehen ja schon nicht. Und da war eine Seite für Leute, die Deutsch lernen, die war im Stil einer Kontaktanzeige geschrieben. Das ist es nicht. Das ist verfehlt. Thema verfehlt. Guckt, überlegt, was sind die Informationen, die ihr, denjenigen, die diese Seite brauchen, diese spezielle Seite, nicht die ganze Website, sondern deine Seite, auf der du schreibst, macht die so, dass alle auf der Welt, die diese Informationen brauchen können, diese Informationen richtig wahrnehmen.

Ina Teloudis 

Okay.

Oliver Gubba

Ich teile meine Inhalte in verschiedene Gruppen ein. Das ist Core Content, das, was die Hochschule ausmacht, was an wichtigen Daten da sind. Das ist die Studiengänge und alles, was zum Betrieb von Forschung und Lehre gehört. So, da drin gibt es noch mal eine Bubble, Authoritative Content. Wir als Gesetzgeber: Wenn du dich nicht rückgemeldet hast bis zum Tag X, dann bist du exmatrikuliert. Ja, diese Diese Sachen, dieser Authoritative Content, der muss barrierefrei sein. Das ist bei mir 100% die Ansage.

Jule Fuchs

Ich finde, das Thema ist einfach so riesengroß, dass man da ganz lange drüber sprechen kann. Es ist manchmal ermüdend, was gesetzlich vorgegeben ist, sich dadurch zu schrubben. Andererseits brauchst du diese gesetzlichen Vorgaben natürlich, um eine Richtung und Leitplanken zu haben. Ich glaube, das schreckt viele schon ab, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Aber wenn du es von der praktischen Seite aus siehst und auch Beispiele bringst, die jeden quasi abholen, dann kann Tino Notwendigkeit von Barrierefreiheit, und zwar für, dann wieder plakativ, für alle. Kaum jemanden von der Hand weisen. Es betrifft alle.

Oliver Gubba

Also ich muss jetzt noch mal die Fahne hochhalten für BfIT Bund, die Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik. Die machen einen guten Job insofern, als dass die auf LinkedIn unterwegs sind regelmäßig, dass die Events machen, dass die vor allen Dingen eine Plattform haben, die heißt Lernen aus der Praxis. Lernen aus der Praxis, und die enthält Prüfberichte bis 2025 aus Berlin, aus Brandenburg, Sachsen-Anhalt und von der BfIT selbst. Darunter findet man auch, wenn man etwas sucht, eine Hochschule. Und wenn man sich da ein bisschen umguckt und diese Prüfberichte liest, dann sieht man, wo die Schwerpunkte liegen, wo man anfangen kann. Also wenn man nun überhaupt sich mit dem Thema noch gar nicht beschäftigt hat, geht auf Lernen aus der Praxis und da findet ihr jede Menge Informationen, die für den eigenen Relaunch oder für die eigene Webseite interessant sein können.

Ina Teloudis 

Gut, auch das packen wir in die Shownotes. Oliver, vielen, vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast und ein bisschen geplaudert hast zu einem sehr, sehr großen Thema, wo wir bestimmt noch mal drauf zurückkommen werden müssen.

Oliver Gubba

Gerne. Hat sehr viel Spaß gemacht und irgendwie, es wäre doch so viel zu erzählen. Oh ja, demnächst.

Ina Teloudis 

So, wir haben es versucht, in einer Folge so ein bisschen Rundumschlag zu machen in Sachen Barrierefreiheit. Das war so ein bisschen unser/euer Blick. Was nehmen wir jetzt mit? Jule, magst du mal gucken, zusammenfassen, was sind so die 2, 3 Main Takeaways?

Jule Fuchs

Also wir haben ja jetzt das Feld sehr weit aufgemacht und auch versucht, wieder spitz zu machen. Main Takeaways waren vor allem, dass es eigentlich alle betrifft. Vielleicht noch nicht Mitte 20, aber umso älter du wirst, umso mehr Einschränkungen erlebst du. Das ist vielleicht das, was auf der Hand liegt, aber auch, dass es dich auch betrifft, wenn du in der Sonne sitzt und versuchst, auf dem Handy was zu konsumieren. Dass es dich betrifft, wenn du farbenblind bist. Dass es natürlich aber auch die ganz, ganz spitze Zielgruppe gibt, wo es ja eigentlich angefangen hat, nämlich die Menschen mit körperlichen Einschränkungen, kognitiven Einschränkungen. Da kommen wir eigentlich her. Und wenn man das Feld immer größer aufmacht, merken wir sehr schnell, dass es eigentlich alle angeht. Das wäre für mich ein Takeaway. Ein anderes, das wider Erwarten die USA viel weiter sind als wir in Europa, was man angesichts von Trump gar nicht vermutet hätte, aber dass sie meilenweit uns vorauseilen und wir hier ein bisschen hinterherkrauchen. Dass es keinen einheitlichen Standard gibt von der öffentlichen Verwaltung, sondern dass jeder irgendwie so ein bisschen kraut-und-rübenmäßig versucht, seinen Acker zu bewirtschaften, aber eigentlich auch gar nicht die Zeit hat, auf den Acker des anderen zu gucken.

Jule Fuchs

Und das teilweise auch unterschätzt wird, dass das eigentlich wichtig ist und dass man vielleicht gemeinsam viel mehr schaffen könnte, als dass jeder in seinem kleinen Kämmerlein vor sich hin arbeitet. Und ein anderes Takeaway war für mich auf jeden Fall auch, dass du, wenn du als Agentur einen Auftrag aus der öffentlichen Hand haben möchtest bzw. dich bei einer Behörde um einen Auftrag bewirbst, dass du um Barrierefreiheit gar nicht mehr drum herum kommst. Also es ist Grundvoraussetzung, dass du barrierefreie Expertise mitbringst, sowohl technisch als auch kommunikativ.

Ina Teloudis 

Okay, dankeschön, Jule. Vielen Dank auch, dass du dir Zeit genommen hast.

Jule Fuchs

Vielen Dank euch für den Austausch. Das war sehr spannend.

Ina Teloudis 

Das war sie also, Folge 23 von Inside Hochschulkommunikation. Von Expertinnen für Expertinnen rund um Kommunikation, PR, Marketing und Digitalisierung an Hochschulen und Forschungseinrichtung, powered by Bundesverband Hochschulkommunikation und MANDARIN EDU. Wenn euch die Folge gefallen hat, ihr kennt das, teilt sie gerne in euren Netzwerken, sagt dem Nachbarn Bescheid, denn ihn betrifft es auch früher oder später, das Thema haben wir ja gehört. Lasst gerne eine Bewertung da und schreibt uns auch gerne, wenn ihr sagt, Mensch, das ist mein Thema, darüber sollt ihr auch unbedingt mal sprechen. Und alle Infos, wie schon angedroht und angekündigt, findet ihr auch bei uns wie immer in den Shownotes. Danke fürs Zuhören und bis in 14 Tagen.



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Folge 22: Wer führt die Kommunikator:innen? Modern Leadership in der Hochschulkommunikation