Folge 24: Wenn der Notfallplan nicht greift. Krisenkommunikation in der Hochschulpraxis
Krisen oder Lagen an Hochschulen halten sich an keine Dienstpläne. Wenn der Campus digital oder politisch brennt, hilft kein Standard-PR-Sprech mehr. Wie sieht gutes Krisenmanagement und echte Krisenkommunikation an der Hochschule in der Realität aus?
In Folge 24 von Inside HKomm springen wir aus der Theorie in die Praxis. Dr. Elisabeth Hoffmann (Universität zu Köln) und Lisa Dittrich (JLU Gießen) haben den Cocktail aus Adrenalin, öffentlichem Druck und Schlafmangel bereits gekostet. Ob ein massiver Cyberangriff, der die komplette digitale Infrastruktur lahmlegt, oder ein politischer Konflikt, der internationale Medien auf den Plan ruft – wir besprechen, was im Ernstfall wirklich zählt.
Gemeinsam mit Kommunikationsexperte Alexander Balow (MANDARIN EDU) blicken wir hinter die Kulissen der Krisenstäbe. Wir reden Klartext darüber, warum theoretische Vorab-Konzepte in der ersten Stunde oft nutzlos sind und an welchen Stellschrauben ihr drehen müsst, um den Überblick zu behalten. Wie bereitet ihr euch auf Lagen vor, die man eigentlich nicht planen kann? Und was braucht es wirklich, um ein Team durch monatelange Ausnahmesituationen zu führen, ohne dass die Substanz leidet?
Eine Folge für alle, die in Extremsituationen handlungsfähig bleiben und sicher durch die Ausnahme Lage navigieren wollen.
Ina Teloudis
Herzlich willkommen zu Inside Hochschulkommunikation oder kurz Inside HKomm. Ihr seid hier genau richtig, wenn ihr Hochschul- und Wissenschaftskommunikation gestalten, weiterdenken und euch vernetzen wollt. Ich bin Ina Teloudis. Krisen oder Lagen an Hochschulen halten sich nicht an Dienstpläne, eskalieren gerne genau dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann, und zerlegen jeden noch so sorgfältig ausgearbeiteten 30-Seiten-Notfallplan in Sekunden. Das wissen wir alle. Hochschulen, Universitäten sind längst keine stillen Elfenbeintürme mehr. Wenn es brennt, brennt es auch ganz schnell öffentlich. Und wir wollen heute so ein bisschen aus der Theorie mal raus und in die Praxis springen und fragen: Wie sieht denn Krisenmanagement in der Realität eigentlich aus? Und auch: Was macht denn dieser Cocktail aus Adrenalin, öffentlichem Druck und vielleicht auch ein bisschen Schlafmangel mit uns ganz persönlich? Dazu habe ich mir heute Expertenunterstützung an die Seite geholt, vor allem zwei Frauen, die genau von diesem Adrenalin-Cocktail schon häufiger gekostet haben dürften. Schön, dass ihr da seid. Das ist einmal Dr. Elisabeth Hoffmann, CCO an der Uni Köln. Hallo!
Elisabeth Hoffmann
Hallo.
Ina Teloudis
Und Lisa Dittrich ist da. Lisa ist Pressesprecherin der Justus-Liebig-Uni in Gießen. Hallo Lisa.
Lisa Dittrich
Hallo Ina.
Ina Teloudis
Und mein Kollege bei mir an der Seite, Kommunikationsexperte Alexander Balow von MANDARIN aus Schwerin. Hallo Alexander.
Alexander Balow
Hallo Ina.
Ina Teloudis
Ja, schön, dass ihr da seid, zumindest digital. Wärt ihr so lieb, euch einmal selber kurz vorzustellen? Wer seid ihr? Was ist so euer tägliches Doing? Vielleicht auch, wenn nicht gerade irgendwo eine Krise zu kommunizieren ist, was macht ihr? Wer möchte anfangen?
Elisabeth Hoffmann
Ich kann gern anfangen. Ich bin Elisabeth Hoffmann. Ich bin seit über 4 Jahren Dezernentin Kommunikation und Marketing an der Universität zu Köln. Davor habe ich 25 Jahre lang etwa in ähnlicher Position für die TU Braunschweig gearbeitet und gesprochen. Ja, genau. Ich bin Mitinitiatorin des Signa Kreises und in Krisen diverser Art mittlerweile geübt und vertraut.
Ina Teloudis
Lisa?
Lisa Dittrich
Ja, ich bin Lisa Dittrich. Ich bin ja mittlerweile auch schon im 20. Jahr an der JLU als Pressesprecherin. Ursprünglich war ich mal Journalistin, vor allem Nachrichtenagenturjournalismus. Und ja, das Adrenalin, was ich da so ein bisschen kennengelernt habe, hätte ich tatsächlich nicht gedacht, dass mich das im Öffentlichen Dienst auch erwartet. Aber dazu gleich mehr.
Ina Teloudis
Alexander, magst du noch einmal kurz einen Rundumschlag machen?
Alexander Balow
Da kann ich den Ball sehr gut aufnehmen. Meine Historie ist ähnlich wie bei Lisa. Auch ich komme aus dem Journalismus, war vor allem im Lokaljournalismus unterwegs, und wenn ich mich daran erinnere, dann spüre ich das Adrenalin förmlich noch. Ich bin in der Kommunikation unterwegs und treibe seit einigen Jahren auch bei Mandarinen oder treibe dieses Thema Kommunikation mit voran.
Ina Teloudis
Ich glaube, wir sollten einmal zum Einstieg vielleicht einmal kurz abgrenzen: Kommunikation ist das eine, Krisenkommunikation das andere. Erinnert ihr euch an einen Moment in eurer Laufbahn, an nachdem ihr das erste Mal gedacht hattet: Okay, jetzt hilft uns kein Standard-PR-Sprech mehr, kein Standard-PR-Wissen. Das ist jetzt echt handfestes Krisenmanagement. Das muss jetzt so was von schnell gehen. Gab es da so einen Moment, die erste Krise, die so hängen blieb?
Elisabeth Hoffmann
Also ich weiß nicht, ob es die erste Krise war, aber es war eine Krise an der TU Braunschweig, als einmal eine Rakete, die von einer studentischen Arbeitsgemeinschaft entwickelt und in die Luft geschossen wurde, auf ein Haus gefallen ist. Und da ist einem plötzlich klar, die nächste Diese Woche, die nächsten 2 Wochen werde ich jetzt nichts anderes tun. Dann wird der Schreibtisch erst mal leergefegt, die E-Mails werden nicht mehr angeguckt und man fokussiert sich dann eben komplett auf dieses Ereignis und die weiteren Ereignisse und Nachrichten, die dann eben folgen.
Ina Teloudis
Gab es bei dir so einen Moment, Lisa?
Lisa Dittrich
Also so natürlich den ganz krassen Moment, den hatten wir natürlich bei JLU Offline, wo klar war, jetzt machen wir ein paar Wochen, Monate nichts anderes. Natürlich hat man in den 20 Jahren vorher auch immer mal wieder kleine Krisen gehabt, aber ich hatte nicht so dieses Gefühl, okay, jetzt hilft mir kein dann da PR, weil ich aus der Richtung auch gar nicht komme. Also ich habe ja auch bewusst den Schreibtisch gewechselt und bin an eine Universität gegangen, einfach wegen der Vielfalt der Themen, die einfach jeden Tag anders sind. Das hätte mir, glaube ich, sonst sehr gefehlt. Aus der Ecke, aus der ich komme. Und da, ja, eigentlich ist man ja gewohnt, dass man sowieso jeden Tag ein anderes Thema auf dem Tisch hat. Das muss ja gar keine Krise sein. Das ist ein spannendes Forschungsergebnis. Das ist wieder eine Frage der internen Kommunikation. Und ich muss aber sagen, das macht mir auch wirklich Spaß, mich jeden Tag irgendwie neu drauf einzustellen. Was liegt denn heute an?
Ina Teloudis
Ja, das ist das alte Nachrichtenagentur-Feeling, das da dann auch wieder durchschwingt. Jetzt hast du es ja gerade schon angerissen, dieser— magst du einmal für alle, die es vielleicht nicht so gegenwärtig haben, erzählen, was war da los, was war passiert?
Lisa Dittrich
Ja, das war der 8. Dezember 2019. Das war das Startdatum für JLU offline, also Cyberattacke auf unsere Uni. Wir hatten so ein bisschen die zweifelhafte Ehre, die Ersten zu sein, die erste große Uni, die davon getroffen wurde. Mittlerweile können da, glaube ich, sehr, sehr viele Kolleginnen und Kollegen ein Lied von singen. Damals war das noch sehr, sehr neu für uns. Und ja, ich habe es tatsächlich bildlich vor Augen. Es gibt ja so diese großen Krisen, wo jeder weiß, wo er gerade war. Ich für meinen Teil saß mit einem frischen Milchkaffee mit einer Freundin vorm Adventskranz und wir hatten gerade die zweite Kerze angezündet, als der Anruf von meinem damaligen Chef kam. Und ich muss gestehen, ich war am Anfang, als er meinte: Haben Sie schon gehört, das Internet ist weg? Dachte ich so: Na ja gut, das Internet ist halt mal weg.
Elisabeth Hoffmann
Wo ist das Problem?
Ina Teloudis
Man beginnt ja auch nicht gleich mit dem Schlimmsten.
Lisa Dittrich
Das sickerte dann aber sehr schnell ein und wir hatten dann an dem Sonntagabend schon gleich die erste kleine Krisenstabsitzung im Büro des Präsidenten. Ja, und ab dann war Alarm bis mindestens Weihnachten. Genau. Und dann ging es in den normalen Krisenmodus über nach der Weihnachtspause, die für viele so ein bisschen ausgefallen ist natürlich. Ja, und raus waren wir eigentlich erst, als Corona dann losging. Da hatten wir dann die nächste Krise, die wiederum auch viele andere Kolleginnen und Kollegen getroffen hat und dann auch viele ein Lied von Krisenkommunikation plötzlich singen konnten. Genau. Das war, wenn ich noch mal ein bisschen mehr zu JLU Offline sagen kann, es war so, dass es an diesem Sonntag auffiel, weil in unserer Tierklinik natürlich ganz normaler Betrieb war und da fielen Unregelmäßigkeiten mit den Datenbanken auf. Da wurde sehr schnell das Rechenzentrum informiert und da hat man ganz, ganz, ganz schnell den Stecker gezogen. Und was wohl auch ein Glück war, weil dann dieser Angriff eben nicht quasi komplett zu Ende geführt werden konnte und wir wirklich die Daten erhalten konnten. Also diese Verschlüsselung und dass wir auf Erpressungsversuche oder solche Geschichten, mussten wir gar nicht eingehen. Es war nur sehr viel Arbeit, weil es ist schon einiges zerstört worden, was vor allem die Nutzerberechtigungen anging und dieses ganze Sortieren.
Lisa Dittrich
Und wir haben natürlich alle Systeme erst mal runtergefahren.
Alexander Balow
Und ich musste einmal nachfragen, ich habe es noch mal nachgelesen, diese Situation damals. Es war ja wirklich alles komplett offline. Also ihr hattet ja auch keine E-Mail mehr, keine Webseite mehr, keine internen Verwaltungssysteme, nichts. Also es ist ja also unvorstellbar auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite die entscheidende Frage: Wie habt ihr dann kommuniziert? Wie habt ihr dann in dieser Krise halt auch zu euren Routinen gefunden, wenn ihr nichts mehr hattet außer vielleicht einem Blatt Papier?
Lisa Dittrich
Na ja, tatsächlich war es so, dass wir unsere Rechner erst mal nicht mehr anfassen durften. Die wurden am Montag zugeklappt und dann auch erst mal waren die verbotene Zone. Meine Kollegin war aber damals geistesgegenwärtig genug, sich am Sonntagabend noch mal einen groben Presseverteiler quasi abzuschreiben. Und wir hatten unsere iPads damals, hatten wir uns vorsorglich besorgt. Das heißt, das waren im Grunde die mit einer kleinen Tastatur, unsere Arbeitsgeräte, der wir dann wirklich behelfsmäßig geschrieben haben. Und wir hatten natürlich Social Media. Also unsere Kommunikation hat ja funktioniert, damals eben über Twitter und über Instagram und damals auch noch Facebook. Genau. Und so konnten wir zumindest kommunizieren. Und wir hatten, wie gesagt, unseren rudimentären Presseverteiler. Das hat also auch funktioniert. Aber das Datenvolumen, mit dem wir das gemacht haben, das war privates Datenvolumen oder von irgendwelchen eigenen Handyverträgen. Es wurden natürlich auch relativ schnell dann irgendwelche mobilen Hotspots irgendwo aufgestellt. Es war wirklich sehr, sehr basic die ersten Tage. Und man merkt plötzlich, wie unfassbar abhängig man davon ist, dass das alles eigentlich da ist. Also das war schon auch ein bisschen beängstigend. Und was wir auch hatten, das kann ich noch sagen, hätten wir jetzt mittlerweile nicht mehr, weil jetzt haben alle Internettelefonie.
Lisa Dittrich
Wir hatten damals noch analoge Telefonie, also wir hatten Telefone, die funktionieren, was eine große Erleichterung war.
Alexander Balow
Habt ihr bis zu diesem Zeitpunkt eure Social-Kanäle schon für die Kommunikation auch so stark genutzt? Also war das schon etwas Geübtes oder habt ihr dann erst angefangen, quasi auch das strukturell mit aufzubauen?
Lisa Dittrich
Nee, also die haben wir natürlich genutzt. Also jetzt Twitter, ja, wir haben unsere Pressemitteilung da eingestellt. Das war jetzt nicht unser, wir diskutieren jetzt den lieben langen Tag mit der Öffentlichkeit über unsere Themen. Twitter war ja damals und ist es jetzt ja noch viel mehr, vor allem so habe ich es immer wahrgenommen, ein starkes Medium, was Meinung sehr irgendwie bevorzugt. Und da waren wir mit unseren Pressemitteilungen immer so ein bisschen unter ferner Liefen. Aber wir hatten dann auf einmal plötzlich sehr viel Zuspruch und ich glaube, der Zuwachs, den wir vor allem bei Instagram bekommen hatten an Followerzahlen, es war War schon auch sehr krass, weil das war tatsächlich auch damals schon unser Medium, um vor allem mit den Studierenden zu kommunizieren. Und da haben wir dann immer sehr schnell einfach die neuesten Mitteilungen, einfach einen Screenshot gemacht und als Bildpost bei Instagram reingestellt. Also wirklich jetzt nicht besonders, okay, für den Fall hatten wir das alles schon professionell vorgedacht, sondern wir haben einfach mit dem gearbeitet, was dann gerade ging. Das waren wirklich also Screenshots von meinem iPad, wo teilweise irgendwelche Wörter unterstrichen waren, rot gekringelt. Das hat man dann in den Kommentaren auch noch Brot geschmiert gekriegt.
Ina Teloudis
Obwohl es der Situation ja absolut angemessen ist. Es ist ja eine Notfalllage und man will kommunizieren und ja, aber es hat funktioniert.
Elisabeth Hoffmann
Also spannend.
Alexander Balow
Und es gab ja auch letztlich, also du beschreibst es ja auch gerade, keine wirkliche interne Kommunikation. Also mit euren Studierenden habt ihr auf den gleichen Kanälen oder auf dem gleichen Kanal dann auch kommuniziert. Und ich glaube 38.000 Studierende und Beschäftigte habe ich mal irgendwo die Zahl gelesen.
Lisa Dittrich
Das war die Zahl der E-Mail-Accounts, die aktiv waren und die alle zurückgesetzt wurden. Kann ich gerne bei bedarf, gleich noch mehr zu erzählen. Nee, genau, wir hatten am Anfang keine interne Kommunikationsmöglichkeit, bis die E-Mail-Konten so weit wiederhergestellt waren, dass wir auch über Rundmails wieder die Leute auf dem Laufenden halten konnten. Am Anfang, die ersten 2 Tage, hatten wir nur Social Media, wobei wir schon eigentlich am, an dem Montag gab es schon die erste Notfall-Homepage, wo wir alle Updates und die FAQs auch relativ schnell dann eben online hatten, aber sehr, sehr rudimentäre Seite. Am Anfang war das wirklich mit HTML, die wir gar nicht selber befüllen konnten. Wo wir unsere ITler, die eigentlich genug anderes zu tun hatten, dann auch noch mit unseren neuesten Updates ein bisschen genervt haben. Aber es waren nur 1, 2 Tage und dann konnten wir wieder selber daran.
Ina Teloudis
Kann man sich auf so eine Situation vorbereiten? Wahrscheinlich auch nur ganz begrenzt, ne? Also habt ihr irgendwelche Learnings draus gezogen, dass man sagt, okay, also was die Kommunikation auch angeht, dass man sagt, okay, wir haben wo ausgedruckt noch mal einen Presseverteiler liegen, der alle halbe Jahr mal aktualisiert wird. Okay, zum Beispiel.
Lisa Dittrich
Ja, das auf jeden Fall. Und ich habe das natürlich auch danach beobachtet, weil natürlich alle von den Hochschulen natürlich sehr darauf bedacht waren, sich auf genau diese Situation vorzubereiten. Und es wurden dann sehr, sehr ausgefeilte Notfall-Homepages überall gemacht. Das kann ich total nachvollziehen. Ich kann aber aus der Erfahrung sagen, dass die Notfall-Homepage für uns ein eher kleineres Problem war, weil wir am Anfang ja gar nicht abbilden mussten, dass die ganze Uni so da war wie immer, sondern wir hatten erst mal genau dieses Thema. Übrigens, wir haben ein Problem. Hier sind unsere Telefonnummern. Ja, es ging alles sehr schnell. Also die Nachbaruni hat uns ausgeholfen mit einem Bereich, wo wir eben ganz schnell eine Umleitung hinmachen konnten. Das war alles da. Wie gesagt, Presseverteiler gibt es. Ich habe eigentlich seitdem mir so ein bisschen zur Aufgabe gemacht, immer wieder zu sagen, Krisenkommunikation ist schwer vorhersehbar, weil es einfach jede Krise so komplett anders ist. Und ich kann das verstehen, dass man sich da absichern möchte. Und ich hatte auch auf einer Tagung mal eine Diskussion mit einem Kollegen, der dann meinte, Naja, das kann man ja leicht sagen, wenn man einigermaßen Erfahrung hat und ungefähr weiß, was in solchen Situationen zu tun ist, wen man anrufen muss und so weiter.
Lisa Dittrich
Aber es gibt ja auch immer wieder junge Kolleginnen und Kollegen, die eine gewisse Sicherheit brauchen für diese Situation und so einen kleinen Schritt-für-Schritt-Plan. Aber ja, also für mich ist es eher im Gespräch bleiben, alle relevanten Personen, die wir da haben, mit an den Tisch holen, offen sein für neue Themen, die sich auftun, die keiner vorher ahnen konnte. Also wir hatten so ein Thema. Am zweiten Tag habe ich eine Nachricht bekommen von Instagram, dass jemand versucht hat, sich von außerhalb irgendwie einzuwählen in unseren Account. Und wir haben natürlich gedacht, okay, jetzt geht es auf der Ebene auch los, lassen wir uns doch schnell mal das Passwort zurücksetzen, ohne in dem Moment darüber nachzudenken, dass wir keine E-Mail hatten, auf die wir dann zugreifen konnten. Ja, das Ende vom Lied war tatsächlich unser Instagram-Account, unser mit einziges Nachrichtenmedium, mit dem wir kommunizieren konnten, war dann gesperrt. Und es haben sich wirklich Kollegen ungefähr einen Tag lang erst mit dem Chatbot von Instagram, und dann hatten wir irgendwann auch einen wirklichen Menschen dran. Es musste am Ende dann auf Briefpapier der JLU ein Brief von unserem Präsidenten ausgedruckt werden und unterschrieben, den wir dann per Screenshot dahin geschickt haben, bis wir dann irgendwann wieder Instagram hatten.
Lisa Dittrich
Also das sind so Sachen, die schreibt ja niemand in einen Notfallplan, die können einen aber wirklich beschäftigen. Ja, diese generelle Offenheit dafür. Krisenkommunikation ist ja nur ein Teil des Ganzen. Im Krisenmanagement jemand sein, alleine auch sehr schnell in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen. Also das waren ja bei uns Entscheidungen wie, wir setzen die Fristen aus für bestimmte Dinge, oder wir schreiben für potenzielle Arbeitgeber einen Brief, den Studierende oder Absolventinnen und Absolventen sich in ihre Bewerbungsunterlagen reinlegen konnten, von wegen, ich komme gerade nicht an meine Zeugnisse, weil aus dem und dem Grund. Also das sind so Sachen, die relativ schnell dann irgendwann im laufenden Betrieb passieren, die ich aber extrem schwer finde vorauszusehen, weil es am Ende dann doch wieder anders kommt.
Alexander Balow
Mit wie vielen Leuten habt ihr in dieser Situation gerade an der Kommunikation gearbeitet? Das ist ja nichts, was eine oder zwei Personen wuppen, was du auch gerade beschreibst. Das ist ja sehr umfangreich, ne?
Lisa Dittrich
Ja, also wir waren damals noch eine sehr, sehr kleine Pressestelle, wirklich auch reine Pressestelle. Aber es hat dann natürlich auch dazu geführt, dass wir bei Sachen Abstriche gemacht haben. Also die Kommentarspalte bei Facebook haben wir irgendwann einfach gesagt, Facebook brauchen wir nicht mehr, das kostet uns zu viel Zeit.
Ina Teloudis
Das ist der sogenannte Pragmafilter, der dann einmal rübergeschmissen wird. Also ich würde mal vermuten, dass das auch so eine Kernkompetenz ist, die man mitbringen muss als Krisenkommunikator:in, dass man klar priorisiert.
Lisa Dittrich
Ja, auf jeden Fall.
Ina Teloudis
Und auch mal dann Nein sagt. Das ist jetzt nicht so wichtig, wir konzentrieren uns hierauf. Wie seid ihr aufgestellt, Elisabeth? Wie viele Leute hast du in deinem Team?
Elisabeth Hoffmann
Ich habe insgesamt 34. Kolleginnen, Mitarbeitende hier. Und wir haben tatsächlich ein Krisenteam, in dem bestimmte Funktionen auch redundant aufgestellt sind, inklusive eben auch Short-Messenger-Möglichkeiten, dass man sich auch am Wochenende erreichen kann zur Not. Das sind natürlich einmal Pressesprecherfunktionen, müssen redundant da sein, Social-Media-Redakteur:innen, Web, so diese Funktionen, aber auch Medienresonanz, also die Analyse von Medienresonanz. Was ist alles da? Und diese Funktionen, wie gesagt, haben wir doppelt. Das heißt, wir versuchen auch, uns ab und zu so alle 2, 3 Monate einmal kurz zu treffen und zu gucken, was steht als Nächstes an, worauf können wir uns vorbereiten? Ich bin da ganz bei Lisa. Da braucht es nicht diese dicken Handbücher, die man dann aufstellt oder Regeln oder Pfade, sondern es braucht schon auch Erfahrung und Übung. Und was wir machen hier ist, dass wir manchmal so Rollenspiele spielen. Das geht manchmal wirklich ganz einfach. Wir haben tatsächlich Lisas Szenario einmal durchgespielt innerhalb von zweieinhalb Stunden zusammen mit den Kolleginnen vom Bedrohungsmanagement und der Chief Information Security Officer. Und die hat uns einmal durch so eine Situation durchgeführt und mit Papier und Bleistift einmal alle Rollen auszuüben. Das war schon ganz lehrreich, muss ich sagen, an der Stelle.
Elisabeth Hoffmann
Sowas kann man machen, weil wie gesagt, dicke Handbücher, die auf alle Eventualitäten vorbereiten, die kann man machen. Aber im akuten Fall bleiben sie liegen.
Ina Teloudis
Wer hat Zeit, in der Situation erst mal 60 Seiten zu wälzen?
Elisabeth Hoffmann
Ja, wichtiger ist, dass jeder weiß, welche Rolle man hat. Und das ist tatsächlich auch nicht selbstverständlich. Das bezieht ja auch die Leitungsebene mit ein.
Alexander Balow
Ja, das Sensibilisieren für solche Situationen ist ja meistens das, was an solchen Tabletop-Simulationen oder wie auch immer sie genannt werden, dann das Entscheidende ist. Einmal auch in diesen Modus reinzukommen, wissend, dass es kein Ernstfall ist, aber trotzdem die Sachen auch unter einem gewissen Druck einmal durchzuspielen, sich auch auf Kommunikationswege und auch auf einen gewissen Duktus zu einigen im Sinne von: Es geht darum, jetzt zum Punkt zu kommen. Es müssen auch Entscheidungen getroffen werden, es muss auch Verantwortung übernommen werden. Und solche Dinge sich einmal in so einer Simulation anzuschauen, glaube ich, ist immer eine ganz gute Idee. Ich bin auch kein Freund von: Dann zieht man noch einen Ordner aus dem Schrank und blättert erst mal. Aber wir wissen ja alle, wie wichtig das ist, Das einmal das Laufen zu üben, um dann halt im Ernstfall sicherlich trotzdem noch hin und wieder zu stolpern, aber sich vielleicht auch zu erinnern: Ah, da war das an der Stelle so, da müssen wir noch mal kurz drauf gucken.
Elisabeth Hoffmann
Genau. Und das, was ihr eben gesagt habt, die Priorisierung, die wird dann auch evident plötzlich. Also ich kann das schon empfehlen, diese Übung. Es klappt auch erstaunlich gut, wie schnell dann auch das Adrenalin einschießt, als wäre es tatsächlich dann so, vielleicht nicht ganz so heftig, aber Man kann sich sehr gut dann in diese Szenarien reinfinden.
Ina Teloudis
Ich würde gerne noch auf die Lage zu sprechen kommen, Elisabeth, die du uns noch mal rübergegeben hast. Besonders wenn es so ganz, ganz multikomplexe Lagen sind, wo es einmal interne große Erwartungshaltung gibt, extern große Erwartungshaltung und das Kommunizieren müssen auch fast unmittelbar passiert. Wie war das damals? Magst du einmal kurz erzählen, was da los war?
Elisabeth Hoffmann
Ja, das Szenario, an was wir jetzt denken, ist— ich muss ein bisschen ausholen. Seit 2004 gibt es die Albertus-Magnus-Professur an der Universität zu Köln, eine sehr sichtbare, wichtige, auch zentrale Veranstaltung, wo jährlich eine Philosophin, ein Philosoph eingeladen werden, über wichtige aktuelle Themen mit uns zu diskutieren. Und das ist eine zentrale Angelegenheit, wie gesagt, und eine zentrale Angelegenheit auch des Rektors. Und Ende 2022 wurde die Philosophin Nancy Fraser, US-Amerikanerin, Jüdin, eingeladen, diese Professur wahrzunehmen. Am 7. Oktober 2023, da war unser Rektor gerade ein paar Tage im Amt, also zum 1. kam er, zum 1. Oktober wurde dann Israel von der Hamas terroristisch angegriffen. Und wir haben dann sehr schnell auch eine Stellungnahme herausgegeben dazu in Solidarität mit unseren vielen israelischen Partnereinrichtungen und Universitäten. Und ja, wir fuhren also sozusagen auf die Albertus-Magnus-Professur zu. Und im November wurde ein offener Brief publiziert mit dem Namen Philosophy for Palestine, der auch von Nancy Fraser mit vielen, über 400 sehr prominenten Wissenschaftlerinnen unterschrieben worden ist. Indem sich diese sehr, sehr, sehr klar für Palästina positioniert haben und Israel ethnosuprematistische Tendenzen vorgeworfen haben. Seit der Gründung. Und insbesondere wurde aufgerufen, israelische Einrichtungen, akademische Einrichtungen und kulturelle Einrichtungen zu boykottieren. Das haben wir sehr spät gemerkt, erst im März des darauffolgenden Jahres.
Elisabeth Hoffmann
Dass Nancy Fraser, unsere künftige Albertus-Magnus-Professorin, diesen Brief unterschrieben hatte. Und dann haben wir über Ostern sehr auch kontrovers intern diskutiert. Es gab dann einen Austausch mit Frau Fraser, in dem sie auch gefragt wurde, ob sie sich vielleicht distanzieren möchte von den Aussagen, so wie wir sie gelesen haben. Das ist nicht passiert. Es gab also keinen neuen Stand nach diesem Austausch. Und dann haben wir am 5.4.24 die Absage der Professur verkündet. Das war insofern eine für uns erst mal gute Voraussetzung. Wir konnten das ja vorbereiten. Also, es kam nicht so wie andere Krisen wirklich, Stichwort Rakete aus heiterem Himmel, sondern wir konnten diese Stellungnahme vorbereiten. Am selben Tag gab es eine andere Stellungnahme gegen diese Absage, die von sehr, sehr wichtigen und zentralen Philosophinnen, Soziologinnen der Kritischen Theorie unterschrieben worden sind, aus Deutschland, aus den USA, aus der ganzen Welt. Und dann prasselte natürlich die Medienresonanz bei uns ein. Kann man sich vorstellen. Wir haben das auch zum großen Teil kommen sehen. Es war dann doch sehr, sehr, sehr, sehr dicht. Ich habe also in den Tagen, wie gesagt, man macht dann tatsächlich nichts anderes, Anfragen gehabt und auch vermittelt, noch mal Interviews vermittelt. Natürlich hier in Köln, aber viel wichtiger noch, also Stadtanzeiger war da auch sehr, sehr kontrovers auch zu uns aufgestellt, war auch noch mal ein Faktor.
Elisabeth Hoffmann
Dann aber FAZ, Deutschlandfunk, taz, Zeit und so weiter. Wir hatten tatsächlich alle hier vor Ort, den Spiegel. Und ich kann mich erinnern, dass ich abends auf dem Weg in ein Restaurant, wir hatten eine private Verabredung, noch mit meinem iPad an eine Mülltonne angelehnt da stand und noch Presseanfragen beantwortet habe. Und auch nachher weiter im Restaurant, soweit das eben ging. Genau. Wir haben die Stellungnahme so verfasst, dass sie möglichst keine Fragen offengelassen hat. Also es war ganz wichtig auch für uns zu sagen, jeder Mensch bei uns kann Nancy Fraser einladen, sowieso, also jedes Institut. Aber hier geht es um die zentrale Auszeichnung und Ehrung inklusive Eintragung ins Goldene Buch und so weiter. Der Universität als solche, die wir unter diesen Bedingungen nicht aufrechterhalten wollten. Und das hat natürlich extern, aber auch intern zu großen Kontroversen geführt. Wir haben dann noch mal ein Zitat in unserer Stellungnahme ergänzt aus einem Mediengespräch, wo noch mal deutlicher geworden ist, dass es uns nicht darum geht, hier den Diskurs als solchen zu unterbinden, sondern eben diese Ehrung vor diesem Hintergrund für uns nicht machbar war. Und dann haben wir, das hatten wir auch gleich vorgestellt, im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe Flagge zeigen das ganze Thema noch mal intern hier für uns auf die Bühne gebracht.
Elisabeth Hoffmann
Das heißt, mit einer Diskussion, an der sehr unterschiedliche Perspektiven auf dieses Thema auch zu Wort kommen konnten.
Ina Teloudis
Das ist dann tatsächlich auch wichtig, hintenrum auch im eigenen Haus abzuholen.
Elisabeth Hoffmann
Es war sehr, sehr, sehr wichtig. Also wie wirkt diese Aktion dann innerhalb der Universität? Und da gab es in der Tat auch Befürchtungen, dass man jetzt insgesamt hier Meinungen, Kontroversen, wie auch immer, politische Statements unterbinden möchte. Das war nicht der Fall, aber wir mussten deutlich dagegen argumentieren.
Alexander Balow
Aber es klingt für mich auch so, als ob ihr euch dieser Situation dann auch schon sehr schnell bewusst wart. Also ich habe mir das auch noch mal angeschaut und ich finde, das ist eigentlich ein Lehrstück für Klarheit in der Kommunikation auch, weil ihr ja sehr deutlich auch abgegrenzt habt. Also das hat für uns nichts mit der Redefreiheit zu tun, aber es hat für uns was mit der Ehrung auch zu tun. Also da seid ihr sehr klar gewesen und ich glaube, das ist in so einer Situation auch tatsächlich so ein Schlüssel. Und wenn man sich dieser Dinge bewusst ist, im Vorfeld schon drauf einzugehen und so wie du sagst, dann haben wir noch ein Zitat mit reingenommen, um es zu verdeutlichen. Ich finde, da kann man sich auch dann in so einer Krisensituation auch noch mal die Zeit nehmen und muss sie auch sich nehmen, um genau das noch mal abzuwägen. Das finde ich ein sehr gutes Beispiel.
Elisabeth Hoffmann
Ja, es war aber auch noch mal ganz wichtig, diese interne Debatte darüber noch mal offen zu führen. Da gab es auch wirklich sehr viele kritische Themen noch und Wortbeiträge dazu. Man muss ja auch vielleicht noch mal ein bisschen die Zeit zurückdrehen. Das fiel auf eine Situation, die ich sage mal insgesamt erhitzte Diskussion insgesamt an den Universitäten über den Nahostkonflikt weltweit. Und da hat es natürlich auch gerade mit der neuen Hochschulleitung Empfindlichkeiten und Befürchtungen getroffen, dass es irgendwann hier eine Art von Cancel Culture geben wird, die hier etabliert wird. Ab und zu hören wir das immer noch in Debatten oder in einzelnen Kommentaren unter unseren Social-Media-Post, dass dann das Thema wieder aufs Tapet kommt. Nachvollziehbar. Aber wie gesagt, was du sagtest, Alexander, die Klarheit ist tatsächlich hier ganz, ganz wesentlich. Wenn man dann anfängt rumzuschwurbeln oder mit vielleicht oder einfach oder unterschiedliche Statements zu publizieren oder Interviews irgendwie nicht ganz sauber zu platzieren, dann kommt man wirklich in Teufels Küche.
Lisa Dittrich
Das kann ich gerne ergänzen. Also gerade um diese Klarheit, was die schriftlichen Statements angeht, dass die möglichst auch konsistent sind. Also bei uns waren es die FAQ und die dann eben wortgleich dann eben über die Social-Media-Kanäle ausgespielt wurden. Das war auch der Grund, warum wir letztendlich die Kommentarspalte so ein bisschen runtergefahren haben, weil da so viele Gerüchte entstehen. Und wenn man da nicht sofort hinterhergeht, dann hat man eigentlich irgendwie sich zusätzlich mehr Arbeit geschafft, was eigentlich nicht nötig gewesen wäre, sondern wir haben tatsächlich immer gesagt, übrigens, hier geht's lang zu den FAQ und das, was da drinsteht, gilt. Das Wording ist da so, so wichtig, gerade in Krisensituationen, weil man Also ich meine, mit dem Thema, was Elisabeth da hatte, natürlich noch mal ganz anders, weil man mit jedem Wort man da ja im Moment das Gefühl hat, auf die eine oder andere Seite tritt man ins Fettnäpfchen. Insofern—
Elisabeth Hoffmann
Vielleicht kann ich da noch ergänzen, wir sind ja nicht allein auf der Welt und wir sind nicht die Bestimmer über die Kommunikation, sondern an der Stelle eben auch Dienstleisterinnen. Und da hängt natürlich ganz viel davon ab, was die Leitung selber sagt, was der Rektor, der Präsident, die Präsidentin dann sagt und wie sehr sie sich auch unter Druck gesetzt fühlen dann von Äußerungen, die dann von außen kommen vielleicht. Also wenn dann ein kritisches Medienecho kommt, dann kann das ja sein, dass so manch einer dann wieder einknickt oder relativiert und so weiter. Das ist bei uns, ich kann das mal sagen, du hattest und ich habe jetzt einen Rektor, das ist dieselbe Person.
Ina Teloudis
Okay.
Elisabeth Hoffmann
Professor Mukherjee, der wirklich auch für Klarheit steht. Aber natürlich ist er da nicht der Einzige. Ich kann einfach nur sagen, da muss man wirklich sehr eng zusammenarbeiten, sehr gut abstimmen und sehr stark auch dazu raten, sich nicht durch kurzfristige Interventionen dann aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen.
Ina Teloudis
Also diese Klarheit, das zieht sich natürlich auch eigentlich durch. Ich habe gerade an die gedacht, die diese Kommunikation ja empfangen, also von Medienvertreterinnen und Vertretern mal abgesehen, die befinden sich ja auch im Krisenmodus. Wenn ich an die Studierenden denke, die auf einmal keine Zugriffe mehr haben, oder sich nirgendwo einloggen können und gar nicht wissen, wie es weitergeht. Und da drücken Fristen. Da muss man ja auch ganz klar und einfach sprechen und kommunizieren und schreiben, einfach damit das auch ankommt in dieser emotionalen Situation vielleicht auch.
Alexander Balow
Und wenn ich da ergänzen darf, ist es ja eine Zielgruppe, die auch sehr medienaffin ist und auf vielen Kanälen sehr schnell Informationen und vielleicht auch manchmal keine Fakten verbreitet, also ein Gefühl, was ja noch mal zusätzlich dann, glaube ich, eine Herausforderung ist.
Lisa Dittrich
Tatsächlich, also bei uns ist es jetzt ein paar Jährchen her, das hat sich natürlich noch verstärkt. Also gerade diese Studi-WhatsApp-Gruppen, wo man natürlich überhaupt keine Chance hat zu gucken, was da eigentlich gerade diskutiert wird. Oder Snapchat ist auch nichts, wo man als Uni irgendwie in die Kommunikation reingucken kann. Umso wichtiger ist es da aber, so einen konsistenten Ort zu haben und immer wieder zu sagen, wenn irgendjemand Fragen hat, erstens, da steht alles, und zweitens, da ist die Info-Hotline, wo man jederzeit anrufen kann. Also es war, ich kann vielleicht noch mal erzählen von dem Krisenstab, gerade in den ersten Tagen war es von der Organisation her so, dass wir im Krisenstab zusammengesessen haben. Es gab zwei. Also wir haben den IT-Krisenstab wirklich machen lassen. Also die haben dann im Rechenzentrum wirklich geschaut, was kann man tun. Da saßen wir nicht mit dabei. Aber es gab noch mal diesen übergeordneten Krisenstab beim Präsidenten, wo die IT natürlich auch drin saß. Und es lief eigentlich immer gleich ab. Es kam von der IT der Bericht, das und das ist jetzt passiert. Das Und das System funktioniert wieder. Wir sind auf die und die Problematik gestoßen. Dann wurde relativ rasch entschieden und währenddessen haben wir schon getippt und geschrieben, was wir so als Nächstes verkünden können.
Lisa Dittrich
Ich bin dann tatsächlich immer täglich hochgelaufen in den Raum, wo die Hotline saß, und die wussten dann auch immer den neuesten Stand, hatten auch die FAQ. Also das war wirklich was, wo wir wirklich ganz eng gucken mussten. Das ist das, was wir heute rausgeben konnten und alles, was ich da— ich kann mich erinnern, was ich da geschrieben habe, ging auch noch einmal kurz an die ganze Krisenstabsgruppe, dass jeder noch mal draufgucken konnte, sagen konnte, okay, das passt so, da stehen wir dahinter, da sind keine Fehler drin und dann geht das raus. Und dann konnten wir wieder die nächste Nachricht geben. Und das war für uns die Möglichkeit, das so ein bisschen im Griff zu behalten, was sich da— natürlich kann man das nicht komplett unterbinden, dass irgendwelche Sachen ja rumgehen, die Runde machen, die nicht gut ankommen. Also bei uns war es das Zurücksetzen der E-Mail-Passwörter, die sich alle dann selbst vor Ort neu wieder abholen mussten.
Elisabeth Hoffmann
Physisch.
Lisa Dittrich
Wir hatten riesige Schlangen von Menschen. Damit haben wir es dann auch in die BBC-Nachrichten geschafft, von Menschen, die im Winter da standen vor der Turnhalle von unserem Sportzentrum und Passwortbriefe abgeholt haben. Und das war auch der einzige Moment, wo das gerade bei Facebook mal drohte, in so einen kleinen Shitstorm zu kippen, als wir verkündet haben, so, jetzt bitte nach Geburtsjahrgängen gestaffelt, vom Erstsemester bis zum Emeritus. Es gibt keine Extrawürste, jeder und jede muss sich das jetzt da oben abholen. Also da ging es schon mal ein bisschen rund in der Kommentarspalte. Und da habe ich auch gemerkt, was so was mit einem macht, wenn man komplett Schlafmangel und am Anschlag ist. Und ich habe wirklich mich quasi, bildlich gesprochen, fast auf meine Hände setzen müssen, um da nicht irgendwie zurückzupöbeln, weil ich es so ungerecht fand. Aber es hat sich relativ schnell von selbst erledigt. Das haben dann auch andere runtergeschrieben. Die können doch jetzt auch nichts dafür. Und dann kam auch irgendwann raus, es ist eigentlich ganz nett da oben in der Turnhalle, wo man die Passportbriefe holt. Alle Menschen sind freundlich, es lief Musik, es gab Tee. Und das hat sich dann auch relativ schnell wieder widergespiegelt.
Lisa Dittrich
Aber dieser Moment, wenn die Emotionen hochkochen und sich dann trotz Schlafmangel selbst im Griff zu halten, das fand ich auch noch mal eine besondere Schwierigkeit, muss ich sagen.
Alexander Balow
Das ist total spannend, weil genau diese Frage habe ich die ganze Zeit schon im Hinterkopf, als Elisabeth es eben kurz beschrieb mit private Verabredung in einem Restaurant und du lehnst es dann an einer Mülltonne oder Häuserwand und hast noch Dinge geschrieben und auch währenddessen, ich kenne das auch aus meinem privaten Umfeld sehr gut, was macht so eine Situation dann mit einem? Also was passiert? Schlafmangel, du hast es gerade beschrieben, Lisa, der dann natürlich dazu führt, dass man anders ist als sonst. Aber das sind ja auch nicht Sachen, die sind nach 2 Tagen vorbei, sondern es zieht sich auch. Und was macht das mit deinem Team, Elisabeth? Wie geht ihr damit um? Wie hältst du auch dein Team dann, also mal plattgesprochen, bei der Stange, dass solche Sachen, sag ich mal, mental nicht zu einer Dauersituation werden?
Elisabeth Hoffmann
Ja, nachfragen natürlich. Also, wie geht es euch damit? Also gerade das Social-Media-Team, das ja wirklich dann auch jede Menge Beschimpfungen abbekommt und sich dazu irgendwie verhalten muss. Und da ist bei uns halt immer die Maxime, dass wir das in der Gruppe oder eben auch bei mir dann abladen können. Das ist logisch. Wir verhalten uns aber auf Social Media auch so, dass wir relativ wenig kommentieren. Das heißt, wir kommen gar nicht in die Versuchung, da irgendwie selber Antworten zu formulieren, sondern dafür haben wir diese Statements dann online. Und auf die verlinken wir. Das ist eine große Schutzbarriere auch, dass wir uns da gar nicht in den Diskurs begeben, erst also bzw. nur immer wieder auf das Wording dann wieder verweisen, das dann möglichst eben auch alles enthält und keine Fragen mehr offen lässt. Und wenn doch Fragen offen sind, ist es ja unsere Aufgabe, dann wieder auch zurückzuspielen in den Krisenstab, in die Leitung. Da ist noch was, das wir vielleicht noch klären sollten. Da ist noch was, was beunruhigt. Wie auch immer, das ist ja auch unsere große Kompetenz.
Ina Teloudis
Das ist auch bisschen so ein Seismograph natürlich auch, ne, das Feedback, was da so kommt. Was kommunizieren wir vielleicht noch nicht ausreichend oder wo?
Elisabeth Hoffmann
Ja, das ist natürlich auch der große Vorteil an den Social Media, dass du in Echtzeit im Grunde Stimmung abfängst. Man darf nicht alles überinterpretieren, das ist auch klar, aber man merkt schon, wo es dann wirklich piekst. Und ja, also der Rückhalt untereinander ist natürlich ganz, ganz wesentlich, das ist klar. Für mich ist das so, ich bin halt immer selbstkritisch und es gibt Situationen, da kann man den Medien gegenüber nicht sagen, was man weiß. Beispielsweise wenn personenbezogene Daten im Spiel sind. Ich habe nicht immer einen großen Wissensvorsprung, aber das finde ich schon belastend, weil ich eigentlich so konditioniert bin, dass ich Medienvertreter:innen gegenüber freundlich zuvorkommend und auch hilfsbereit bin. Da, wenn man mauern muss, das finde ich sehr schwierig. Oder wenn so Kritik kommt wie eben: Schämt euch! Wie im Fall von Nancy Fraser, da kam ganz, ganz deutlich raus: Einfach, ihr solltet euch schämen, ausgerechnet einer Jüdin diese Absage zu erteilen. Es kam ein Brief, ich glaube sogar handgeschrieben, von einem Emeritus aus der New School, wo sie lehrt. Da stand drin: How dare you? So, das geht schon auch unter die Haut. Man reflektiert dann immer wieder: Haben wir was falsch gemacht? Ist da irgendwas noch offen geblieben?
Elisabeth Hoffmann
Das ist nicht ganz einfach tatsächlich. Oder habe ich auch persönlich jetzt was falsch gemacht? Das geht permanent auch nachts dann rum. Das ist klar. Habe ich zu viel versprochen, zu wenig gesagt? Also das ist aber auch Typsache. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt.
Ina Teloudis
Ich finde das sehr gesund und auch sehr sympathisch, so durchs Berufsleben zu gehen. Denn das ist natürlich eine außergewöhnliche Drucksituation für euch und eure Kollegen und Kolleginnen. Und man muss auch Mechanismen entwickeln. Das kann natürlich sein, dieses immer dieser Self-Check, wieder mit sich einzuchecken. Checken und sagen: Okay, es trifft mich. Warum trifft mich das so? Ist der Vorwurf gerechtfertigt? Nein, ist er nicht, weil ich habe daran gedacht, ich habe das bedacht, wir haben das bedacht. Oder auch: Okay, nee, stimmt, das haben wir nicht bedacht, dann kommunizieren wir es noch mal. Also ich finde es sehr, sehr gesund. Ich wüsste nicht, wie es anders gehen sollte.
Elisabeth Hoffmann
Ja, so wird man ja auch besser, dass man dann auch noch mal selbstkritisch reflektiert, was ist passiert, dass es beim nächsten Mal nicht noch mal passiert. Andererseits, es hat auch Vorteile. Also der langweilige Kram ist weg vom Schreibtisch in der Situation. Man wird so intensiv gebraucht wie nie. Du bist wirklich dann dabei, mitten in den Gesprächen. Du hast einen Informationsvorsprung. Also, dass Krisen, wenn sie nicht wirklich lebensbedrohlich sind, sag ich jetzt mal so, können in der Hinsicht auch Spaß machen. Also es ist immer neu, wie Lisa schon gesagt hat. Also es ist absolut nicht langweilig. Es sind tolle Erfahrungen, die man auch macht, wenn es dann funktioniert.
Lisa Dittrich
Das kann ich absolut bestätigen. Also ich wünsche das wirklich niemandem, auch wenn es seitdem viele schon erallt hat. Es war wirklich heftig und auch gerade am Anfang die schlaflosen Nächte. Wie gesagt, das wünsche ich niemandem, aber es hat durchaus was sehr Belebendes, weil man hat ja sofort einen Effekt. Man hat eine Teamleistung, man merkt, man schafft was. Das ist ja, es hat eine Bedeutung, was man tut. Die ganzen Fragen, die reinkamen, wir haben die sofort weitergegeben. Ich hatte meinen Kollegen im HZ, also im Rechenzentrum, der sofort wusste, okay, ich habe eigentlich wichtige Dinge zu tun, aber wenn die Pressestelle anruft, weiß ich, das ist wichtig und dann muss ich das beantworten. Also, dass das alles ineinander gegriffen hat, das war schon auch auch ein sehr belebendes Gefühl. Und ich weiß noch, es gab ja auch im Krisenstab, wie es öfter mal so ist, dann auch wirklich so eine— es war ja nicht nur Trübsal. Also ich weiß noch, dass von der IT dann die Ansage kam, wir wissen nicht, ob wir die E-Mail-Konten wiederherstellen können.
Ina Teloudis
Aua.
Lisa Dittrich
Und ich bin ja wirklich so eine, dass ich wirklich sehr, sehr viele wichtige Infos in meinem Outlook so ein bisschen horte. Und ich weiß, dass mal kurz einfach Schock in der Runde war und alle ganz, ganz unglaublich geschaut haben. Und dann meint der Vizepräsident, der es schon vorher von der IT gehört hat, meinte: Ja, so habe ich auch geguckt. Und dann habe ich gedacht, endlich räumt mal jemand mein Postfach auf.
Ina Teloudis
Oh Gott, ja.
Lisa Dittrich
Natürlich war irgendwann alles wieder da. Es hat aber noch lange, lange, viele Wochen gedauert. Aber es war dann auch relativ schnell klar, dass sie wohl irgendwann wiederkommen, die Dinge. Aber ja, man hat einfach ganz viele Dinge nicht. Irgendwelche langweiligen Terminankündigungen oder was auch immer es da so gibt, wo man einfach mal guten Gewissens sagen konnte: Sorry Leute, haben wir gerade keine Zeit für. Ich kann mich erinnern, dass, als kurz danach Corona war, dass das ganz viele aus unserem Kollegenkreis gespiegelt haben, dass das durchaus was Belebendes hatte. Und das, ja, es ist komisch, weil wie gesagt, ich immer auch quasi dreimal auf Holz klopfen muss, dann jedes Mal, und denke, nein, ich will das trotzdem nicht wieder so schnell.
Elisabeth Hoffmann
Genau.
Ina Teloudis
Ich glaube, das ist ein schönes Schlusswort. Krisenkommunikation ist extrem fordernd, extrem anstrengend, aber auch extrem sinnstiftend und befriedigend.
Elisabeth Hoffmann
Bewegend, kann man so sagen.
Lisa Dittrich
Kann man, würde ich unterschreiben.
Elisabeth Hoffmann
Ja, wenn es gut geht.
Ina Teloudis
Davon gehen wir jetzt einfach aus. Ihr Lieben, damit sind wir auch schon am Ende, wenn ich mal so auf die Uhr gucke. Vielen, vielen Dank an den ganz, ganz ehrlichen Einblick in eure Arbeit und dass ihr so ein bisschen aus dem Nähkästchen geplaudert habt.
Elisabeth Hoffmann
Dankeschön. Danke euch.
Lisa Dittrich
Danke. Hat Spaß gemacht.
Ina Teloudis
Ja, wir haben wirklich einen ziemlich großen Rundumschlag gemacht, glaube ich. Es war sehr spannend. Alexander, magst du mal versuchen zusammenzufassen, was nehmen wir heute aus dem Deep Dive besonders mit, außer vielleicht: Zieht euch Backup von eurem Pressekontakt?
Alexander Balow
Also ich fand beide Gesprächspartnerinnen super inspirierend. Also natürlich, die Cases sind natürlich für uns als Journalist:innen auch immer sehr spannend, wenn ich das mal so framen darf. Aber beide haben ja einen Umgang auch mit dieser Situation und vor allem, und da knüpfe ich an den Schluss an, diese mentale Belastung dabei nicht außen vor zu lassen, auch in der zur möglichen Vorbereitung auf so eine Case. Das finde ich einen ganz wichtigen Punkt. Elisabeth hat das so schön gesagt: Ich bin für mein Team auch da, ich bin Ansprechpartner, ich frage, wie es ihnen geht. Das finde ich ein ganz wichtiges Thema, weil bei der Cyberattacke beispielsweise, das ist ja nichts, was morgen vorbei ist, sondern das beschäftigt die Menschen und vor allem auch die Kommunikator:innen dann über Wochen hinweg. Und das ist über Wochen eine ziemlich starke Belastung und Anspannung. Das ist, glaube ich, für mich so ein wichtiger Punkt noch mal neben all der Vorbereitung, die für solche Situationen möglich ist, und bei all der Transparenz und bei all der Kommunikation, das Thema Mensch, also die Menschen, die sich mit so einer Krisenkommunikation dann beschäftigen, tatsächlich stark in den Fokus zu nehmen. Ein anderer Aspekt, den ich daraus mitnehme, ist: Man kann Dinge durchaus gut vorbereiten, und Elisabeth hat das ja auch gesagt, so Szenarien zu simulieren, sich das anzuschauen, wie würden wir Wie wollen wir damit umgehen?
Alexander Balow
Wie sind wir aufgestellt? Sowas muss nicht ausufern, aber das passt auch so zu meiner Erfahrung, dass man einmal sich hinsetzt und tatsächlich nicht nur durchdenkt, sondern auch einmal kurz durchspielt. Das muss keine Tagesveranstaltung werden, sondern wo es um Kommunikationswege, um schnelle Abstimmung, auch um schnelle Entscheidungsfindung geht und dabei auch so diese Kette der Beteiligten, also Stakeholder, sich anzuschauen. Und wir haben ja gehört, bei so einer IT-Geschichte sind halt auch, keine Ahnung, 35.000 Student:innen mit involviert plötzlich. Also zu denen muss ich auch kommunizieren. Und wie tue ich das, wenn ich keine E-Mails mehr verschicken kann? Also das ist schon ein Szenario, wo es sich lohnt, einmal im Vorfeld vielleicht drüber nachzudenken, weil gerade Cyberattacken sind ja nun etwas, was woran wir uns leider natürlich auch ein Stück weit gewöhnen mussten im Sinne von, das ist nicht ausgeschlossen, dass solche Dinge auch wieder passieren. Und da ist es auf jeden Fall eine gute Idee, das einmal durchzuspielen, vielleicht auch mit einer klaren Retro, was hat nicht funktioniert, wo müssen wir künftig drauf achten, um da einfach auch eine Professionalität in den Moment reinzubekommen, um nicht komplett lost zu sein und völlig überfordert mit, wo fangen wir denn an.
Alexander Balow
Genau, und ein letzter Punkt, den ich mir auch noch notiert habe. Eigentlich sind es zwei Punkte, muss ich gestehen. Also wir einigen uns auf 3a und 3b, Ina, ja?
Ina Teloudis
Okay.
Alexander Balow
Ich habe einen Punkt hier. Ich habe mir ziemlich oft Krisenstab aufgeschrieben als kleinen Stichpunkt. Und beide haben es ja auch gesagt, diese Rollen, die es dann braucht in so einer Situation, und auch das ergibt sich letztlich vielleicht auch aus so einer Tabletop-Simulation, dass man klar über die Rollenverteilung gesprochen hat. Also wer ist die Person, die nach außen spricht? Wer kümmert sich um welchen Kanal, dass da einfach die Aufgaben verteilt sind, aber auch letztlich sichergestellt ist, dass nichts runterfällt von den Kanälen als Ansprechperson für Medien und so weiter und so fort. Und natürlich, wenn man ein großes Team hat, ist man in der vorteilhafteren Situation, da auch eine Redundanz mit einzubauen. Aber das muss einmal im Vorfeld klar sein, dass man nicht dann anfängt zu überlegen, was müssen wir denn noch, wer könnte, sondern dass man so ein grobes Szenario im Kopf hat. Und mein 3-B-Punkt ist eigentlich der, der auch auf meiner Liste jetzt ganz oben steht: Geschwindigkeit und Transparenz. Transparenz im Rahmen des Möglichen. Elisabeth hat das auch angesprochen, es geht manchmal halt nicht komplett. Das heißt, eine radikale Transparenz wird es in bestimmten Situationen nicht geben können. Und Geschwindigkeit meint nicht, sofort auf etwas reagiert zu haben.
Alexander Balow
Aber in dem Fall, wo ich nicht sofort reagieren kann, zu sagen: Okay, ich weiß, da ist etwas, Und in 30 Minuten, 3 Stunden, wann auch immer, gibt es von uns dazu ein Statement. Also nicht einen komplett luftleeren Raum entstehen zu lassen, kommunikatives Vakuum entstehen zu lassen, sondern tatsächlich auch alle Beteiligten mit zu einem Statement abzuholen, nicht hinzuhalten, sondern klar zu kommunizieren. Und vielleicht heißt dieser Punkt dann tatsächlich Klarheit und gar nicht so Geschwindigkeit. Klarheit und Transparenz.
Ina Teloudis
Klarheit, wie du auch immer schön gesagt hast: Es gibt es nicht, dass man nicht kommuniziert. Auch wenn man nicht kommuniziert, kommuniziert man. Auch in so einer Situation natürlich.
Alexander Balow
Absolut.
Ina Teloudis
So.
Alexander Balow
Also ich habe mir noch viele, viele weitere Dinge auch noch mal notiert und man sieht ja halt, wenn das halt Menschen aus der Praxis, die auch echt irgendwie Krisen in einer Flughöhe so oft erlebt haben, wie viel Erfahrung eigentlich da ist und wie viel Learnings man daraus ziehen kann dann wiederum, was halt aus der Praxis kommt und nicht aus dem Handbuch im Schrank.
Ina Teloudis
30 Seiten PDF ausgedruckt.
Alexander Balow
Ganz genau.
Ina Teloudis
Vielen lieben Dank, dass du noch mal für uns ein bisschen zusammengefasst hast und bisschen analysiert hast. Das war sie, Folge 24 von Inside Hochschulkommunikation. Von Expert:innen für Expert:innen rund um Kommunikation, PR, Marketing und Digitalisierung an Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Powered by Bundesverband Hochschulkommunikation und MANDARIN EDU. Wenn euch die Folge gefallen hat, dann teilt sie gerne in eure Netzwerke, merken, sagt's weiter und lasst uns eine Bewertung da. Alle Infos und auch noch mal Links zu den heute besprochenen Fällen findet ihr wie immer in den Shownotes. Danke fürs Zuhören und nicht bis in 14 Tagen, sondern bis zum 3. September, da hören wir uns erst wieder. Wir gehen in eine kleine, aber feine Sommerpause. Lasst es euch allen gut gehen.
Hallo Jule.
Jule Fuchs
Hallo Ina.
Ina Teloudis
Und Oliver Gubba, Bereichsleiter Content Operations an der Frankfurt University of Applied Science. Hallo Oliver, schön, dass du Zeit hast.
Oliver Gubba
Schönen guten Morgen.
Ina Teloudis
Wer seid ihr? Was macht ihr? Was ist so euer tägliches Doing?
Jule Fuchs
Ja, ich bin Jule Fuchs. Ich mache seit 25 Jahren was mit Medien. Ich habe angefangen im Internet bei WDR.de und bin über NDR.de dann zur Presse gekommen und habe ein Volontariat gemacht beim SHZ. Und habe dann, nachdem ich ein Kind bekommen habe, ins Marketing gewechselt und bin hier dann auch zur barrierefreien Information gekommen, was seit 2 Jahren festes Steckenpferd von mir ist, was auch ein bisschen mit meinem Privatleben zusammenhängt. Ich habe ein kleines Kind, Pony, ein deutsches Reitpony, das auch behindert ist, muss man so sagen. Es hat eine schiefe Schnute von Geburt an und ist daher ein bisschen eingeschränkt, ist aber sehr kinderlieb. Und mit dem habe ich sehr lange auch Kinderreiten gemacht, unter anderem auch mit Kindern mit Behinderung. Das hat meine, wenn ich offen bin, Berührungsängste sehr gesenkt und hat auch mein Interesse dafür geweckt, wie man Informationen, mit denen wir quasi geflutet werden, so aufbereiten kann, dass sie auch Menschen mit Behinderung verstehen und konsumieren können und darüber bin ich aber auch dazu gekommen, dass eigentlich das fast jeden betrifft, wie du schon sagst, Ina, in der Einleitung, dass wir, umso älter wir werden, ja auch immer mehr mit Einschränkungen zu tun haben, und zwar sehr individuelle Einschränkungen.
Von daher ist das ein Thema, was alle angeht. Ja, und ich finde das sehr wichtig. Von daher freue ich mich sehr, dass wir heute hier darüber sprechen.
Oliver Gubba
Ja, ich bin Oliver Gubba. Seit 1991 beschäftige ich mich mit erklärungsbedürftigen Produkten. Das heißt, ich habe angefangen mit Videospielen. PR und Übersetzungen von Handbüchern. Habe dann Zeitschriften gemacht für Videospiele, Kameras und weitere Dinge. War ein Jahr in Japan, habe da dann praktisch auf der Straße gestanden, konnte nichts lesen. Man lernt halt Zeichen und fühlt sich dann wie das Schulkind, das plötzlich lesen kann. 2 Jahre bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, dort Recruitment auf LinkedIn aufgebaut. Und jetzt seit 2013 bin ich bei der Frankfurt University of Applied Sciences, damals als noch Fachhochschule Frankfurt. Und seit dem ersten Tag habe ich mich im Grunde genommen dort nur noch mit der Webseite beschäftigt. Mache gerade den zweiten Relaunch. Ich habe Relaunch von TYPO 3, 4 Versionen nach oben. Diesmal geht es auf die 12. Und da ist das Thema Barrierefreiheit im Grunde genommen an jeder Ecke zu finden. Und ja, auch ich bin üfü (Über fünfzig) und Augenlicht und Hören und ja, die situale Barriere, die man hat, wenn auf dem Bildschirm plötzlich blendet oder Ähnliches, man nur eine Hand frei hat. Das ist halt alles sehr präsent. Genau. Digital Demenz auch. Also die Künstliche Intelligenz. Digital Demenz. Ja, je mehr du dich auf KI und auf irgendwas verlässt, desto mehr vergisst du halt unterwegs.
Und das ist Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches. Gehört alles in diesen großen Themenbereich Barrierefreiheit mit rein. Man beobachtet es an sich selbst und man muss halt daran denken, dass auch andere Menschen dort bestimmte Herausforderungen haben, die wir adressieren müssen.
Ina Teloudis
Du hast das Feld gerade schon aufgemacht, aber ich habe gedacht, bevor wir jetzt so richtig tief einsteigen, müssen wir einmal über Begrifflichkeiten sprechen. Barrierefreiheit ist ja so ein Begriff, der fast schon auch inflationär genutzt wird. Das ist so ein Buzzword, das man gerne mal reinschmeißt. Hat sich auch so ein bisschen abgenutzt, finde ich. So ein bisschen auch so wie Nachhaltigkeit. Wie steht ihr zu diesem Begriff Barrierefreiheit und diesen Begrifflichkeiten? Habt ihr da vielleicht auch schon ein bisschen fokussiertere Begrifflichkeiten? Entwickelt oder differenziert ihr das ganz doll oder sagt ihr, nee, da gehört alles rein? Jule, wie ist es bei dir?
Jule Fuchs
Also, Barrierefreiheit, muss ich sagen, ja, hat sich abgenutzt. Also wenn man das im normalen Gespräch sagt, dann gehen oft gefühlt die Ohren zu. Aber wenn man es dann runter bricht auf einzelne Beispiele, die quasi auch denjenigen betreffen, und das ist immer sehr individuell, dann merkt man schnell, dass das Thema eigentlich total aktuell ist, und zwar in jedem Leben. Also so andere Begrifflichkeiten. Man sagt immer Leichte Sprache und so, aber ich finde, das ist halt auch eher dann auf Texte gesehen und das ist auch nur ein kleines Feld. Also ich finde, Barrierefreiheit ist schon ein sehr großes Feld und eigentlich durchflutet es den ganzen Alltag.
Ina Teloudis
Oliver?
Oliver Gubba
Uff, schwere Frage. Ja, ja, vor allen Dingen so riesig. Sobald du Barrierefreiheit sagst, gehen die Scheuklappen runter und um Gottes Willen, was willst du von mir? Wie viel Arbeit ist das? Und so weiter. Ich will ja dann was und dann müssen die Leute, die es umsetzen sollen, was lernen oder anwenden oder umsetzen und extra arbeiten. Und wie viele, wie viele Leute betrifft denn das überhaupt, was wir hier machen? Und da muss man halt sagen: Überleg mal, 10% aller Männer sind farbenblind. Das heißt, wenn du die Kontraste oder die Rot-Grün-Farbenblindheit ist das Häufigste. Wenn du halt in deinen Bildern grünen Wald zeigst mit roter Schrift drauf, Dann ist das jetzt schon für 10% aller Männer unter Umständen nicht sichtbar, nicht lesbar. Und was haben wir noch? Schwerhörigkeit, Allergien, Aufmerksamkeitsstörungen, Dyslexie. All das sind ja Dinge, die du den Leuten auch gar nicht ansiehst, wenn die dir gegenüberstehen. Also es gibt ja nicht nur sichtbare Einschränkungen. Du sitzt im Rollstuhl, du hast einen Stab dabei und man sieht es dir auf den ersten Augenblick an. Die meisten Leute haben eine nicht sichtbare Einschränkung oder nicht offensichtliche Einschränkung. Es gibt Leute, die mich jahrelang kennen und mich fragen: Aber du läufst halt komisch. Es ist ihnen bisher nicht aufgefallen in dieser Art und Weise, dass ich eine körperliche Einschränkung habe, die da ist, aber mich jetzt halt nicht weiter beschäftigt. Also abgesehen von der Brille. Ich bin grottenolmenblind, wenn ich die Brille abnehme. Das ist ja auch ein Mittel der Barrierefreiheit, die Brille. Allein die Tatsache, dass wir das Glück haben, Glas auf den Augen tragen zu dürfen, das es möglich macht, dass wir den Löwen, der da hinten kommt, sieht. Das ist ja schon Barrierefreiheit und der Curbside-Effekt, also sprich eine Absenkung des Bordsteins, auch das ist Barrierefreiheit, weil du nicht mehr drüber stolperst, sondern mit dem Kinderwagen auf den Bordstein kommst und ähnliche Dinge. Also Barrierefreiheit ist ein riesengroßes Thema und alles, was meine Klientel, also Webredakteurinnen und -redakteure, sieht, ist Arbeit.
Ina Teloudis
Aber ist das auch so ein Punkt, den ihr kommuniziert, wo du sagst, okay, das haben aber mittlerweile alle verstanden, warum wir das brauchen? Oder ist es immer noch so ein bisschen die Ohren gehen zu? Also du sollst jetzt ja auch nicht so doll aus dem Nähkästchen plaudern, aber es ist ja, weil Jule sagte das auch gleich eingangs, es ist ein Thema.
Oliver Gubba
Ja, also was wir gemacht haben, ist, dass wir versucht haben, Verständnis aufzubauen. Das heißt, wir hatten interne TYPO3 Days mittlerweile, so zwei Veranstaltungen, einmal online, einmal direkt in der Halle in Präsenz. Und da waren Experten für Barrierefreiheit zugeschaltet. Zum einen hatten wir Jessica Chambers aus England, die haben wir aufgezeichnet, haben sie untertitelt. Die Frau spricht kein Deutsch, Also haben wir versucht herzustellen, durch Untertitelung bist du in der Lage, auch wenn du kein Englisch sprichst, dieser Veranstaltung zu folgen. Das war großartig. Die Leute kamen raus und haben verstanden, warum Videos untertitelt sein müssen. Die zweite Sache war, in Präsenz hatten wir den Claudio Zeni aus der Schweiz zugeschaltet. Der Claudio ist seit Geburt blind. Ja, und dann hat er uns gezeigt, wie er eine Webseite eines großen Onlinehändlers sieht. Und das war für die Leute— ich wurde noch Monate danach darauf angesprochen, Ich habe noch nie verstanden, was der Grund jetzt ist und wie jemand, der nicht sehen kann, also der gar nichts sehen kann, Dinge wahrnimmt. Was wir halt tun müssen, ist versuchen, den Leuten zu erklären, das sind die Gründe, warum wir das machen. Und ja, es ist halt auch so traurig.
Der größte blinde Nutzer, den wir haben, ist Google. Das heißt, die Suchmaschinenoptimierung, über die kriege ich die Leute einfacher als mit dem Hinweis: Ja, wir haben eine Anzahl von x blinden Studierenden, die brauchen eure Unterstützung. Und wir wollen ja auch unter Umständen auch weiteren Leuten die Chance geben zu studieren. Wir machen ja Bildung und wir wollen, dass jeder und jede in der Lage ist, diese Bildung auch zu genießen, diese Serviceleistung, die wir als Hochschule anbieten, wahrzunehmen. Und das ist nicht erst in dem Augenblick der Fall, in dem die bei uns im Hörsaal sitzen und Unterstützung brauchen. Das mag uns erschrecken, weil teilweise kommen diese Leute und sind dann da und keiner wusste es vorher. Also das hatten wir an der Hochschule schon. Es war niemand darauf vorbereitet, dass ein Begleithund jetzt plötzlich mit dabei ist oder dass eine blinde Person die Vorlesung betritt. Das heißt, für die Lehre haben wir da bestimmte Mechanismen, die da sind, die Möglichkeiten, dass Lehrende sich an eine Begleitstelle bei uns im Haus wenden und die Lehrunterlagen barrierefrei erstellt kriegen. Aber für die Verwaltung haben wir das nicht. Und die Verwaltung ist halt alles, was die Internetseite betrifft.
Jule Fuchs
Kannst du das nochmal genauer spezifizieren, wie du das mit Google meinst? Also, dass Google das nicht sieht?
Oliver Gubba
Google sieht Text. Also wenn ich eine barrierefreie Seite habe, habe ich in der Regel auch eine gut vorbereitete Seite für die Suchmaschine. Und diese Dinge, die wir sagen, hör mal zu, wenn du ein Video auf die Seite stellst und das hat keine Untertitel oder es hat kein Transkript, dann ist das für Google unsichtbar. Weil Stand heute geht Google ja noch nicht durch dieses Video und zieht sich den Text, sondern es ist ein einfach da. Da ist ein tolles Video, da erzählen schlaue Leute ganz viele Dinge. Aber für die Suchmaschine ist das unsichtbar. Wenn du nicht erklärst, was auf dem Foto drauf ist mit dem sogenannten Alt-Text, dann sind diese Dinge unsichtbar für die Suchmaschine. Wir müssen nicht alle Bilder erklären. Wenn das so ein dekoratives und Larifari-Foto ist, dann brauchst du dir da die Mühe nicht zu machen. Aber wenn es halt wichtig ist für das Verständnis, wenn die Leute sehen müssen, was auf dem Bild da ist, dann ist das eine Sache, die halt auch für die Suchmaschinenoptimierung hochgradig wichtig ist und wirksam ist. Also sprich Video nur mit Transkript, Bilder, wenn sie wichtig sind, mit Alttexten und die Texte dann doch bitte so erklärt, dass sie halt für die Zielgruppe ordentlich sind und sie die Informationen findet, die sie braucht.
Jule Fuchs
Ist es das, was du am Anfang auch sagtest, dass dir bei dem Relaunch auf TYPO3 12 die Barrierefreiheit quasi auf jeder Ebene begegnet? Ist das genau das, was du gerade gesagt hast, oder? Verbirgt sich da noch mehr?
Oliver Gubba
Da verbirgt sich ein Riesen-Rattenschwanz hintendran. Also das beginnt ja schon, dass wir hier in Deutschland Gesetzen unterliegen. Und diese Gesetze, das ist das Behindertengleichstellungsgesetz, die Barrierefreie Informationstechnikverordnung BITV 2.0, das Onlinezugangsgesetz, die jetzt ganz neu, dieses Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, also die European Accessibility Act, das hessische Hochschulgesetz und so weiter. All das schreibt uns ja vor, wenn ihr Sachen auf einer Internetseite anbietet, dann muss das barrierefrei sein. Die ganzen Landesgesetze sind genauso. Schon bei der Ausschreibung müssen wir entsprechend formulieren, müssen wir prüfen und wir dürfen nur Personen für die Umsetzung beauftragen, die Barrierefreiheit verstehen. Das heißt, wenn ich mich heute als Agentur um einen Auftrag einer Hochschule oder einen Auftrag einer staatlichen Stelle bewerbe, dann sollten meine Programmierer von der WCAG 2.2 schon was gehört haben. Stand heute unterliegen wir noch 2.1, aber die neuen Kriterien von 2.2, die werden voraussichtlich dann im Herbst die Grundlage sein, wie das weitergeht. Und die WCAG ist die Grundlage für das, was wir hier machen. Also Web Content Accessibility Guidelines. So, und Stefanie Walter hat davon auf Basis von Melissa Morse von CCPI eine interessante Sache gesagt, dass die WCAG ist das Kochbuch mit den Rezepten. Also das ist der globale Standard.
Oliver Gubba
So, dann hast du den European Accessibility Act und Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, das ist das Nahrungsmittelsicherungsgesetz.
Ina Teloudis
Okay.
Oliver Gubba
Die Durchsetzung der Barrierefreiheit auf europäischer und lokal deutscher Ebene. Und das wird von den EU-Staaten durchgesetzt und hoffentlich gibt es dann auch irgendwann messbare Sanktionen für die Nichteinhaltung. Da sind wir in Deutschland noch ein bisschen hinten dran. Und dann gibt es diese EN 301 549, das ist die Prüfliste als Nachweis, dass diese Rezepte aus der WCAG auch wirklich umgesetzt umgesetzt werden. So, und jetzt müssen wir uns als Hochschule, als staatliche Einrichtung, auf die BITV 2.0 zurücklehnen, und die privaten Firmen müssen das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz berücksichtigen. Und die weisen beide darauf hin, dass man diese EN 301 549 im Grunde genommen auswendig kennen muss und stets den aktuellen Stand in dieser Anleitung beschränken muss. So, Stand heute ist WCAG 2.1 und die gilt seit 2018 mit 50 Kriterien. Damals 2018 wurde der Fokus mit auf mobile Anwendungen gelegt. Also sprich, deine Webseite muss auf dem Handy gut aussehen. Und das sind jetzt die Sachen, die wir berücksichtigen müssen. Und die 2.2, die wird voraussichtlich im Herbst Grundlage sein. Und dann kommen halt noch mal 6 neue Kriterien und ein Kriterium wurde gestrichen. Da wird dann der Fokus gelegt auf kognitive Einschränkungen und Lern-Einschränkungen sowie motorische Einschränkungen. Dann werden die Fokus-States, also sprich, du weißt immer, wenn du mit der Maus dich auf der Internetseite bewegst, wo ist dein Mauszeiger gerade, weil sich irgendwelche Elemente halt durch den Rahmen optisch verändern.
Das wäre ein Fokus-State, dass das zur Pflicht wird. Und da denken wir jetzt gerade dran. Also wir werden, wenn alles gut geht, noch vor der Erstsemestereinführung im Oktober mit dem Relaunch rauskommen und dort haben wir all diese Dinge mit berücksichtigt und umgesetzt. Und wenn du halt heute als Dienstleister der Öffentlichen Verwaltung damit machst, dass dein System oder deine Dienstleistung nach WCAG 2.0 barrierefrei ist, sorry, seit 2018 gilt 2.1, 2.0 war von 2008. Also jetzt bin ich ja schon auf dem Stand, da muss ich mal ganz genau hinschauen, ob du der richtige Dienstleister für mich bist.
Ina Teloudis
Denkst du, das ist überall so angekommen, auch bei den Hochschulen?
Oliver Gubba
Bei den Leuten, die da sitzen und diese Relaunches machen müssen, also sprich die Webseite betreuen, ist es mit Sicherheit angekommen. Ist es bei der Führungsebene angekommen? Wird da entsprechend Geld dafür bereitgestellt? Ist eine Frage, die unter Umständen nach Bundesland beantwortet werden muss, weil die einen Bundesländer, die verschicken Prüfberichte, also alle Webseiten müssen geprüft werden, als staatliche Einrichtungen müssen ihre Webseiten zur Prüfung bereitstellen. Und da gibt es ein Auswahlverfahren, so eine Art Lotterie, und dann kann es sein, dass du irgendwann dran bist, und dann gucken die nach, ob du das gemacht hast. So, und je nach Bundesland kriegst du dann unter Umständen Post mit einem Prüfbericht. Bei uns war der Prüfbericht, der kam, 180 Seiten lang. Und das war für mich damals auch einer der Gründe, mich tiefer mit dem Thema zu beschäftigen. In anderen Bundesländern kriegst du ein Datum, bis wann du diese Mängel beseitigt haben musst. Das ist in Hessen nicht der Fall. Da wird auf die Freiwilligkeit und das Einsehen von den Verantwortlichen der Webseite halt Wert gelegt.
Jule Fuchs
Und sag doch mal, wie groß ist denn das Team bei euch, mit dem ihr das macht und auch umsetzt? Bzw. wie viele davon wissen genau, was sie tun, was Barrierefreiheit angeht?
Oliver Gubba
Hier sind wir wieder bei dem Grundproblem aller Hochschulen. Wir sind ein Kernteam im Web-Bereich von 2,6 Vollzeitäquivalenten. Und ich habe circa 230 bis 280, je nach Jahreszeit und Lust, aktive Redakteurinnen und Redakteure. Das sind Personen, die sich in den letzten 6 Monaten einmal angemeldet haben in TYPO3. Das heißt nicht, dass sie irgendwie was gemacht haben. Sie haben sich einmal angemeldet. So, und wenn wir jetzt relaunchen, haben wir festgelegt, okay, es kommen nur noch geschulte Leute in das System rein und die Grundzüge dessen, was sie berücksichtigen müssen, erklären wir in der Schulung. Bei uns heißt Moodle Campus Open Air ist, also sprich, die Leute können sich das 24/7 angucken mit Videos, mit Textbeschreibung und da ist das alles erklärt. Das ist das Ziel. So, jetzt habe ich aber die Problematik, dass im Grunde genommen ich versuchen muss, alles, was nicht von einem Menschen gemacht wird, über das System abzufedern. Das heißt, ich bin dankbar, dass ich TYPO3 habe, weil ich das unheimlich gut einstellen kann auf diese Riesenzahl an Redakteurinnen und Redakteuren und an die unterschiedlichen Kenntnisse, die diese Leute auch haben in allen Bereichen. Das beginnt bei einer einer Dekanatssekretärin geht bis hin zum Professor, der seine Institutsseite selber pflegen möchte.
Also das sind aus allen Ebenen, von unseren 1000 Leuten, die bei uns Geld im Haus kriegen, sind 230 aktiv in TYPO3. Und wir sind ja mit 15.000 Studierenden eine relativ kleine Hochschule, das geht noch mehr. Es gibt andere Hochschulen, bei denen sind 1000 Leute im System oder 2000 Leute. Und da muss ich halt sehen als Betreiber der Internetseite, dass ich das runterbreche auf: Was ist jetzt das Problem, dass ich den den Leuten auf den Weg geben kann. Das müsst ihr machen. Und was nehme ich raus, dass sie sich nicht drum kümmern müssen? Also für mich ist es ganz wichtig, dass TYPO3 so eingestellt ist, dass wenn du eine Vorlese-Software benutzt, dass du direkt zu dem wichtigen Teil auf der Seite springen kannst, dass das da ist, wenn wir launchen. Also ich habe meinen Prüfbericht im Grunde genommen in 4 Dinge aufgeteilt. Was müssen meine Redakteur:innen können? Was muss die Technik sein? Also wurde WCAG Level 2.1 AA umgesetzt? Dann Corporate Design, kann ich so viel predigen, wie ich möchte. Macht eure Farben bitte barrierefrei und so weiter. Ich muss mich darum kümmern und muss versuchen, da anzugleichen. Und unter Umständen hat das auf meiner Webseite Konsequenzen, an die niemand gedacht hat, als dieses CD bei uns mit Dreiecken gemacht wurde.
Oliver Gubba
Und dann gibt es eine ganz witzige vierte Kategorie, die ich angelegt habe aus dem Prüfbericht. Die heißt Probleme anderer Leute. Wer Douglas Adams kennt, das berühmte Problem anderer Leute. Entzieht sich das dem Einflussbereich meines meiner Hochschule.
Ina Teloudis
Das Problem anderer Leute, was ist denn das? Kannst du da ein Beispiel machen?
Oliver Gubba
Ja, also je länger ich drüber nachdenke, desto mehr denke ich, ist es doch mein Problem. Also kann ich es beseitigen, indem ich den TYPO3-Entwickler meines Vertrauens beauftrage, es zu ändern? Oder muss ich nach einer anderen technischen Lösung suchen? Statt der Terminsoftware X, die eingebaut ist, muss ich die Terminsoftware Y verwenden, weil deren Webseite barrierefrei ist. Oder Habe ich ein bisschen Geduld und Hoffnung, dass das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz irgendwann mal seine Aufgabe erfüllt und auch große amerikanische Unternehmen ihre Software barrierefreier anbieten, als sie es im Moment ist. Typisches PAL-Ding ist halt, du bindest die Terminplanung ein, du bindest Videos ein, da kommen die Daten von irgendwo anders auf deine Webseite. Nicht barrierefreie PDF auf externen Plattformen. Barrieren in der Bedienung von eingebetteten Drittanwender Tools, Kalender, Karten und anderer Inhalte. Das waren im Grunde genommen die wichtigsten Sachen. Ich habe ja unseren Prüfungsbericht damals durchgeguckt und habe, als ich das erste Mal am TYPO3 University Day vor 2 Jahren über das Thema Barrierefreiheit von Hochschul Webseiten geredet habe, habe ich mir halt Barrierefreiheitserklärungen von anderen Hochschulen angeguckt. Und es ist überall dasselbe. Die Nummer 1 sind die nicht barrierefreien PDFs.
Ina Teloudis
PDF, das ist ein großes Thema.
Oliver Gubba
Ja, das ist ein großes Thema. Und ich hatte ja gesagt, wir sind eine relativ kleine Hochschule. Ich habe hier 6000 Content-Seiten. Gestern habe ich Screaming Frog mal wieder drüber laufen lassen. 4200 PDF-Dateien sind öffentlich zugänglich. Es sind deutlich mehr auf meinem Server. Wenn ich jetzt eine große Hochschule bin mit 47.000 Seiten, habe ich auch 8000 Bilder. Ich habe als große Uni mit 28.000 Seiten 4400 PDFs. Es geht auch noch wesentlich größer. 140.000 Seiten, 7.200 PDFs. Dann hat der Indexkrimi-Vogt irgendwann gesagt: Ich will nicht mehr zählen, der Speicher ist voll, lass mich in Frieden.
Ina Teloudis
Fassen wir zusammen: Es ist eine ganze Menge.
Oliver Gubba
Es ist eine ganze Menge und es ist halt dieses ganze historische Zeug. Darunter war Additive Schlüsselkompetenzen 2013, ein PDF mit 93 Seiten. Du hast den Modebericht Praktika, einseitig von 2016. Dann hast du 683 Erfahrungsberichte, die alle PDFs sind. PDF-Dateien sind von Auslandssemesterbeiträgen. Das ist jetzt nicht bei uns, aber das ist bei anderen Hochschulen der Fall gewesen. Ich habe ähnliche Dinge. Ich habe Lehrpläne, die sich bei der Erstsemestereinführung beispielsweise ändern, 5, 6, 7 Varianten, und die werden alle brav hochgeladen und nie wieder weggelöscht.
Jule Fuchs
Okay. Aber Oliver, du hast jetzt ein großes Bild kartiert, auch, ne, also Hochschullandschaft als auch euch selbst. Und du hast am Eingang gesagt, das ist so ein bisschen wie so ein Rabbit Hole, und du hast eigentlich permanent das Gefühl, hinterherzurennen. Hast du dann das Gefühl, wenn du jetzt den Relaunch hoffentlich September abgeschlossen hast, dass du dann ein bisschen mal voraus bist? Oder wird das Rabbit Hole einfach immer tiefer und ausgedehnter?
Oliver Gubba
Okay, PDF-Dateien ist ein Ding, das betrifft uns alle. Ja. Und wir müssen eine pragmatische Lösung finden, wie wir damit umgehen. Seit 2018 sind wir verpflichtet, dass die PDF-Dateien barrierefrei sind. Letztendlich für mich ist jetzt alles, was mit dem Tag des Relaunches neu hochgeladen wird, entweder die PDF-Datei ist barrierefrei oder es gibt ein barrierefreies Äquivalent. Also am einfachsten ist es, die Inhalte dieses PDFs sind auf der Webseite noch mal als HTML hinterlegt und für jemanden, der eine Vorlese-Software hat, ist das brauchbar. Ich habe keine Möglichkeit hinzugehen, zu sagen, okay, die 6000 PDF-Dateien auf meinem Server, die historisch sind, die fasse ich jetzt an und mach das. Was wir gemacht haben, ist, dass wir gesagt haben, okay, unsere Prüfungsordnung, da sind die Modultafeln drin. Ich habe dort die Word-Dokumente gekriegt, habe die als MD abgespeichert, habe sie in Claude rein gepackt. Claude hat mir eine XML-Datei gemacht und ich habe jetzt eine wunderschöne Datenbank von all meinen Modultafeln. Das ist eine Möglichkeit, wie ich das mache. Also ich versuche halt, diese Daten irgendwie aus dem PDF in TYPO3 reinzukriegen. Die zweite Möglichkeit ist: Weglöschen. Weg mit allem, was nicht gebraucht wird, was historisch ist. Die Einladung zur Frauenvollversammlung mit einem schönen Bild und der Unterschrift, das braucht keiner, wenn die vor 6 Jahren ist.
Oliver Gubba
Das brauche ich nicht mehr, das kann weggelöscht werden. Also sprich, die Redakteur:innen, wenn ihr jetzt umzieht— bei uns muss jeder Redakteur seine eigenen Inhalte selbst umziehen von TYPO3 8 auf 12— guckt, was weg kann, löscht weg, was weggeht. Die Sache ist ja die: Wir nicht im freien Raum, sondern wir als Hochschulen in Deutschland, wir konkurrieren ja nicht nur mit uns als Hochschulen in Deutschland, sondern wir konkurrieren mit Hochschulen auf der ganzen Welt. Und da sind wir jetzt bei der Sache, dass in Amerika der Title II umgesetzt werden muss. Wenn wir Kamala Harris als Präsidentin hätten und Demokratie da noch großgeschrieben würde, dann wäre das seit 2026, April, der Fall für größere Hochschulen. Da müssen auch die historischen PDF-Dateien barrierefrei sein.
Jule Fuchs
Sagst du bitte kurz, was der Title II ist?
Oliver Gubba
Das Department of Justice hat 2024 eine Entscheidung an alle Hochschulen kommuniziert. Hört zu, ab dem 24.04.26 bzw. ein Jahr später für kleine Hochschulen, müssen eure Inhalte barrierefrei sein. Diese Fristen wurden am 11.05. dieses Jahres um ein Jahr nach hinten geschoben. Aber letztendlich hat die aktuelle Regierung entschieden, das ist ein Thema, das brauchen wir nicht. Und der Blindenverband hat dagegen schon geklagt. Betroffen sind alle staatlichen Einrichtungen inklusive der Public Universities und deren Vertragspartner, auch bezüglich der Erstellung der Webinhalte. Und da müssen die Webapplikationen also die Apps, die du am Handy hast, und die digitalen Dokumente wie Präsentationen, Spreadsheets, Word-Files, den Anforderungen in den Web Content Accessibility Guidelines 2.1 entsprechen. Und das betrifft auch, Achtung, jetzt wird es lustig, das betrifft auch Video, Audio und Social-Media-Posts.
Ina Teloudis
Okay.
Oliver Gubba
Das heißt, in Amerika wird gesetzt, im Fall, es passiert jetzt nichts Böses mehr, Nächstes Jahr die Latte extrem hoch gehängt. Und das ist ja nicht nur Amerika, auch in England kriegen Hochschulen Briefe, dass sie 3 Monate Zeit haben, ihre Webseite barrierefreier zu gestalten, weil sonst der nächste Brief mit Ärger kommt. Und dementsprechend müssen wir als Hochschulen ja darüber nachdenken, wenn wir international mitspielen wollen, wenn auch wir Exzellenz-Unis sind, die Studierende aus dem Ausland haben wollen, Und diese anderen Länder sich darum kümmern, dann müssen wir das ja auch. Und das war die Hoffnung, dass in dem Augenblick, in dem halt der Title II umgesetzt wird, auch hier rüber schwappt nach Europa. Hallo, da ist ein bisschen mehr dahinter als: Ja, ist halt so, das mag gut sein, passiert uns ja eh nix. In Colorado beispielsweise ist das mittlerweile schon seit einem Jahr Pflicht. Also die warten gar nicht auf Title II, die haben das früher umgesetzt.
Jule Fuchs
Und hast du das Gefühl, dass es hier eher beschleunigt oder dass es hier eher für Stress sorgt oder für Wegducken? Wie hast du das Gefühl? Dass Europa bzw. Deutschland darauf reagiert?
Oliver Gubba
Dieses Seufzen, glaube ich, lassen wir drin. Wird nicht rausgeschnitten. Unter keinen Umständen. Also der Punkt ist, wir unterliegen ja diesen gesetzlichen Vorgaben und die Erstellung barrierefreier PDFs ist keine unverhältnismäßige Belastung. Das ist ja dieses Hintertürchen, das uns offengelassen wird als staatliche Einrichtung. Wenn ihr unverhältnismäßig keine Belastung darstellen können, müsst ihr euch nicht drum kümmern. Und das ist es halt nicht, weil es ist ein Ausbildungsproblem letztendlich. Wir könnten die Leute ja, die die PDF-Dateien erstellen müssen, ausbilden und dann wissen die, wie das geht. Das Problem ist nur, dass diese Kommunikationschance da nicht wahrgenommen wird von den Prüfungseinrichtungen, also den Landesprüfstellen. Wir stehen alleine da. Jeder arbeitet für sich, jeder muss gucken, wie er diesen riesen Schulungsbedarf, der da ist, in sein Haus rein trägt. Und wäre doch eine coole Sache, wenn sich die Überwachungseinrichtungen rauspicken, was sind die wichtigsten Punkte, und PDF ist einer der wichtigsten Punkte, und dann den staatlichen Einrichtungen entsprechendes Schulungsmaterial zur Verfügung stellt. Und das bitteschön zu einem Kostenpunkt, von dem ich sagen kann, ja, das kriege ich hin bei 280 Redakteurinnen, dass wir die Leute dahin schicken. Und das ist ja jetzt nicht nur die Hochschule, das ist die städtischen Einrichtungen. Da war ja jetzt vor Kurzem so ein Test, wie barrierefrei sind die Webseiten abseits von Städten.
Da wurden 80 Städte getestet und die sind, glaube ich, alle durchgefallen. Die haben genau dieselben Probleme bei einem PDF an erster Stelle und dann geht es weiter und dann sind ja noch weitere Einrichtungen. Wenn du dir das anguckst, dann wäre das für mich ein Riesending zu sagen, okay, wir als Prüfeinrichtung, wir sorgen dafür, dass die Verwaltung barrierefreie PDFs erstellen kann. Und dann ist einer der größten Kernpunkte, der jedes Mal durchfällt. Eine Webseite ist ja nur barrierefrei, wenn sie alle Anforderungen der BITV erfüllt. In der bitv sind barrierefreie PDFs 2%, glaube ich. Also es ist wirklich ein vernichtend kleiner Teil. Aber sie sind die große Masse der Inhalte auf meiner Seite, von denen ich weiß, dass wir da Probleme haben. Wenn wir das hinkriegen würden, wäre cool.
Jule Fuchs
Ich höre da jetzt so raus, dass ihr euch oder du dich auch sehr alleine fühlst, also dass es wenig Unterstützung gibt. Wir hatten im Vorgespräch schon mal so ein bisschen über Lösungen KI gesprochen. Wie zuverlässig empfindest du das? Kannst du das nutzen? Wie viel 10% deiner Arbeit erleichtert das unter Umständen. Also wie schätzt du KI als Erleichterung, als Tool ein, um der Barrierefreiheit gerechter zu werden oder schneller gerecht zu werden? Auf welchem Feld?
Oliver Gubba
Stand heute null.
Jule Fuchs
Ich bestätige das.
Oliver Gubba
Weil der Punkt ist, KI macht keine Barrierefreiheit, Stand heute. Gemeinsam haben sich alle Prüfstellen da positioniert Wir als Hochschule, wir müssen einen Internetauftritt haben, der ohne das Ding barrierefrei ist. So, und ich verstehe die Kommunikationspolitik da in der Hinsicht nicht. Ich meine, wir haben jetzt bei Barrierefreiheitsstärkungsgesetz haben wir eine Marktüberwachungsstelle in Magdeburg. Seit September angeblich tun die irgendwas. Die haben noch nicht mal eine eigene Webseite. Was ist das Erste, was du als Unternehmen machst, wenn du deine Dienstleistungen raus packen willst? Du machst eine Webseite. So, da sind so viele verlorene Möglichkeiten, die man machen könnte. Wir als Hochschulen, Achtung, wir sind ja jetzt hier im Hochschulkommunikations-Podcast. Vielleicht gibt es demnächst einen neuen Arbeitskreis Barrierefreiheit, der sich da noch mal tiefer mit rein packt, der die Grenzen der Bundesländer überschreitet. Ich habe jetzt das Problem, ich sitze in Hessen. In anderen Bundesländern gibt es da schon kleine Zusammenschlüsse, die sich miteinander austauschen und hin und wieder kriegen wir es mit und sind mal eingeladen. Ich bin sehr dankbar der University of Iowa, dem Kollegen Weißenberger oder Janet Sims von Harvard. Die haben mich reingucken lassen in Unterlagen von denen. Von denen haben wir einiges mitnehmen können. Also Amerika ist da sehr freigiebig mit. Aber wir in Deutschland haben halt immer dieses: Ja, das ist Arbeit und da Gemeinschaften oder Arbeitskreise zu machen und da muss man sich treffen und das dann womöglich auch öffentlich darstellen. Das ist nicht so unser Ding in Deutschland. Und die Ursprungsfrage war: Kann KI helfen? Nein, stand heute nicht, weil ich habe kein Geld für KI. Ich habe den Copilot im Büro in der Basisfunktion. Was wir jetzt gemacht haben mit den Modulhandbüchern, ist, dass wir einen Monat LOD gekauft haben. Aber ich muss ja bei der IT-Einführung jetzt schon wieder die ganzen Unterlagen bei schaffen und so weiter. Also es ist nichts, was ich einführen möchte bei uns im Haus. Ich habe kein Geld für irgendwelche Überprüfungssoftware, weil der Etat für das Web halt relativ klein ist. An anderen Hochschulen sieht das anders aus, aber jetzt in Hessen oder HAWs allgemein ist halt das Geld nicht so in dem Maße da wie unter Umständen bei Universitäten.
Ina Teloudis
Wie siehst du das, Jule, so mit Agentur Brille auf? Also intern ist KI natürlich auch ein Riesenthema und wir sprechen in den unterschiedlichsten Anwendungsfällen und Beispielen davon und das ist auch sehr divers. Aber du hast ja auch gleich gesagt, kann ich unterschreiben, KI ist jetzt nicht die Lösung für Barrierefreiheit.
Jule Fuchs
Ich komme ja nur aus der Richtung barrierefreie Information, sprich auch Kommunikation. Und ich finde, KI kann eine Grundlage geben, zum Beispiel wenn man Text übersetzt. Aber sie ist bei Weitem nicht in der Lage, jede Individualität, auf die du eingehen möchtest und auch musst, mit reinzubringen. Das heißt, du musst alles kuratieren. Und das Feld barrierefrei zu kommunizieren ist einfach auch so groß, dass man schon bestimmt KI-Agenten bauen kann, die bestimmte Felder abdecken, aber einfach nicht in der Individualität, in der es gefordert Wert ist. Also ohne den Menschen ist es nicht möglich, barrierefreie Webauftritte zu schaffen. Ich rede jetzt nur vom Teil Kommunikation.
Ina Teloudis
Also leichte Sprache ist ein gutes Beispiel. Also es ist ja einfach nicht: Hau mal die Pressemitteilung rein und ich kriege es dann in leichter Sprache raus. 2 Minuten später, weil wir geben der KI ein bisschen Zeit.
Oliver Gubba
Das funktioniert nicht.
Jule Fuchs
Nein.
Ina Teloudis
Okay.
Oliver Gubba
Also es funktioniert ja schon nicht, wenn du eine Datenschutzerklärung über ChatGPT laufen lässt. Übersetz mir das mal, weil ChatGPT „Kürzt" und dann kürzte ChatGPT die rechtlich relevanten Teile raus. Also insofern bin ich da extrem vorsichtig. Dann erreichst du wieder dein Limit an Credits, die du hast, und dann kannst du erst in 2 Stunden weitermachen oder 4 Stunden.
Jule Fuchs
Ich kann noch aus dem echten Leben erzählen. Ich habe bei CAPITO meine Zertifizierung gemacht und da haben wir auch in einem Kurs alle möglichen KI-Tools, die uns eingefallen sind, durchgespielt und haben die Ergebnisse verglichen. Und wir waren alle nicht überzeugt von den Ergebnissen, weil es einfach, wenn du etwas in leichte Sprache übersetzen möchtest, da gibt es ja noch A1, A2, dann musst du ja auch die Informationen ganz anders aufbauen. Das heißt, du hast einen ganz anderen roten Faden, als du ihn so hast. Und das fängt schon damit an, dass wir versucht haben, juristische Texte zu übersetzen, die ich schon alleine nicht verstehe, die ich schon dreimal lesen muss, um sie zu verstehen, und sie dann noch in leichte Sprache zu übersetzen. Also wir haben schon echt viele Experimente da gemacht und auch viel mit KI experimentiert. CAPITO hat selber eine KI, die sie entwickelt haben, und auch die setzen sie nicht einfach ein, sondern es ist immer nur ein Anfang, eine Orientierung, die gegeben wird, die dir am Ende aber nicht mal eine Zeitersparnis ist, weil du es einfach noch mal selber machen musst. Also es kann ein Anfang sein, aber am Ende hängt es immer am roten Faden, der meistens nicht vorhanden ist in der Form, wie du ihn brauchst.
Oliver Gubba
Ich denke, dass die KI uns wirklich gut helfen kann beim Redigieren von Seiten. Gibst du ihnen ein Regelset, also ich mache eine ClaudeMD-Datei und pack da meine Regeln rein, wir werden als Frankfurt University of seien sie es immer als Frankfurt UAS und nie als F.U.A.S. abgekürzt. Das ist eine coole Sache. So, wenn ich noch mal zurück darf, kurz zur Leichten Sprache, Einfachen Sprache. Und die BITV ist ja so, dass sie über die BCAG noch ein bisschen hinausgeht und den Hochschulen sagt, ihr müsst eine Seite in Leichter Sprache haben und ihr müsst Videos anbieten für Gehörlose. Also die Hochschule der Künste folgt Campus Open Air, die hat jetzt letztes Jahr Videos in Gebärdensprache umgesetzt, also mit Untertiteln und mit Gebärdensprache. Die sind großartig. Also das als Beispiel zu nehmen, wo man hin soll, also was das Optimum ist. Es gibt einige Hochschulen, die haben was gemacht. Aber das Problem ist ja, dass das ist eine Seite, die uns gesetzlich vorgegeben wird. Also es ist wieder dieser Riesen Arbeitsteil, mein Content allgemein, und ich muss eine Seite in Leichter Sprache vorhalten in Gebärdensprache. Okay. Das ist ein riesen Arbeitsaufwand. Aber ich habe 6.000 andere Seiten. Was ist denn mit denen?
Also mein Fokus muss doch auf diesen 6.000 anderen Seiten letztendlich liegen, dass die zielgerichtet sind, dass sie demjenigen, der die Informationen braucht, den Mehrwert liefert, den er benötigt, er oder sie.
Jule Fuchs
Du hast gerade gesagt demjenigen. Wer ist denn derjenige oder diejenige? Wer ist denn eure Zielgruppe? Also ich finde, es sind ja nicht nur Menschen mit Einschränkungen jeglicher Art, sondern es betrifft ja auch Menschen mit Behinderungen, du ja auch irgendwie jeden. Also wen hast du da im Blick, wenn du an Barrierefreiheit denkst? Große Frage.
Oliver Gubba
Ich habe 6000 Content-Seiten und jede Seite hat ihre eigene Zielgruppe. Die eine Seite richtet sich an Studieninteressierte, die andere richtet sich an die Öffentlichkeit. Dann haben wir dann irgendein Event, wo wir wollen, dass möglichst viele Schulkinder kommen. Der Fokus bei uns liegt wirklich daran, was technisch geht, machen wir technisch. Und der Rest ist Redakteursarbeit, dass die Redakteure sich überlegen, für wen schreibe ich das? Wie ist meine Wortwahl in dem Augenblick, wenn ich für Leute schreibe, die gerade Deutsch lernen, dann muss ich gucken, dass ich mich runter regele und nach dem EU-Rahmen halt nicht C1 oder C2 verlange, sondern meine Texte auf B1-, B2-Format schreibe und nicht als— unser wunderschönes Beispiel— als Kontaktanzeige. Was in der Kontaktanzeige steht, wenn man sich daran erinnert, versteht ja schon die Hälfte derjenigen, die mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen sind, verstehen ja schon nicht. Und da war eine Seite für Leute, die Deutsch lernen, die war im Stil einer Kontaktanzeige geschrieben. Das ist es nicht. Das ist verfehlt. Thema verfehlt. Guckt, überlegt, was sind die Informationen, die ihr, denjenigen, die diese Seite brauchen, diese spezielle Seite, nicht die ganze Website, sondern deine Seite, auf der du schreibst, macht die so, dass alle auf der Welt, die diese Informationen brauchen können, diese Informationen richtig wahrnehmen.
Ina Teloudis
Okay.
Oliver Gubba
Ich teile meine Inhalte in verschiedene Gruppen ein. Das ist Core Content, das, was die Hochschule ausmacht, was an wichtigen Daten da sind. Das ist die Studiengänge und alles, was zum Betrieb von Forschung und Lehre gehört. So, da drin gibt es noch mal eine Bubble, Authoritative Content. Wir als Gesetzgeber: Wenn du dich nicht rückgemeldet hast bis zum Tag X, dann bist du exmatrikuliert. Ja, diese Diese Sachen, dieser Authoritative Content, der muss barrierefrei sein. Das ist bei mir 100% die Ansage.
Jule Fuchs
Ich finde, das Thema ist einfach so riesengroß, dass man da ganz lange drüber sprechen kann. Es ist manchmal ermüdend, was gesetzlich vorgegeben ist, sich dadurch zu schrubben. Andererseits brauchst du diese gesetzlichen Vorgaben natürlich, um eine Richtung und Leitplanken zu haben. Ich glaube, das schreckt viele schon ab, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Aber wenn du es von der praktischen Seite aus siehst und auch Beispiele bringst, die jeden quasi abholen, dann kann Tino Notwendigkeit von Barrierefreiheit, und zwar für, dann wieder plakativ, für alle. Kaum jemanden von der Hand weisen. Es betrifft alle.
Oliver Gubba
Also ich muss jetzt noch mal die Fahne hochhalten für BfIT Bund, die Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik. Die machen einen guten Job insofern, als dass die auf LinkedIn unterwegs sind regelmäßig, dass die Events machen, dass die vor allen Dingen eine Plattform haben, die heißt Lernen aus der Praxis. Lernen aus der Praxis, und die enthält Prüfberichte bis 2025 aus Berlin, aus Brandenburg, Sachsen-Anhalt und von der BfIT selbst. Darunter findet man auch, wenn man etwas sucht, eine Hochschule. Und wenn man sich da ein bisschen umguckt und diese Prüfberichte liest, dann sieht man, wo die Schwerpunkte liegen, wo man anfangen kann. Also wenn man nun überhaupt sich mit dem Thema noch gar nicht beschäftigt hat, geht auf Lernen aus der Praxis und da findet ihr jede Menge Informationen, die für den eigenen Relaunch oder für die eigene Webseite interessant sein können.
Ina Teloudis
Gut, auch das packen wir in die Shownotes. Oliver, vielen, vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast und ein bisschen geplaudert hast zu einem sehr, sehr großen Thema, wo wir bestimmt noch mal drauf zurückkommen werden müssen.
Oliver Gubba
Gerne. Hat sehr viel Spaß gemacht und irgendwie, es wäre doch so viel zu erzählen. Oh ja, demnächst.
Ina Teloudis
So, wir haben es versucht, in einer Folge so ein bisschen Rundumschlag zu machen in Sachen Barrierefreiheit. Das war so ein bisschen unser/euer Blick. Was nehmen wir jetzt mit? Jule, magst du mal gucken, zusammenfassen, was sind so die 2, 3 Main Takeaways?
Jule Fuchs
Also wir haben ja jetzt das Feld sehr weit aufgemacht und auch versucht, wieder spitz zu machen. Main Takeaways waren vor allem, dass es eigentlich alle betrifft. Vielleicht noch nicht Mitte 20, aber umso älter du wirst, umso mehr Einschränkungen erlebst du. Das ist vielleicht das, was auf der Hand liegt, aber auch, dass es dich auch betrifft, wenn du in der Sonne sitzt und versuchst, auf dem Handy was zu konsumieren. Dass es dich betrifft, wenn du farbenblind bist. Dass es natürlich aber auch die ganz, ganz spitze Zielgruppe gibt, wo es ja eigentlich angefangen hat, nämlich die Menschen mit körperlichen Einschränkungen, kognitiven Einschränkungen. Da kommen wir eigentlich her. Und wenn man das Feld immer größer aufmacht, merken wir sehr schnell, dass es eigentlich alle angeht. Das wäre für mich ein Takeaway. Ein anderes, das wider Erwarten die USA viel weiter sind als wir in Europa, was man angesichts von Trump gar nicht vermutet hätte, aber dass sie meilenweit uns vorauseilen und wir hier ein bisschen hinterherkrauchen. Dass es keinen einheitlichen Standard gibt von der öffentlichen Verwaltung, sondern dass jeder irgendwie so ein bisschen kraut-und-rübenmäßig versucht, seinen Acker zu bewirtschaften, aber eigentlich auch gar nicht die Zeit hat, auf den Acker des anderen zu gucken.
Jule Fuchs
Und das teilweise auch unterschätzt wird, dass das eigentlich wichtig ist und dass man vielleicht gemeinsam viel mehr schaffen könnte, als dass jeder in seinem kleinen Kämmerlein vor sich hin arbeitet. Und ein anderes Takeaway war für mich auf jeden Fall auch, dass du, wenn du als Agentur einen Auftrag aus der öffentlichen Hand haben möchtest bzw. dich bei einer Behörde um einen Auftrag bewirbst, dass du um Barrierefreiheit gar nicht mehr drum herum kommst. Also es ist Grundvoraussetzung, dass du barrierefreie Expertise mitbringst, sowohl technisch als auch kommunikativ.
Ina Teloudis
Okay, dankeschön, Jule. Vielen Dank auch, dass du dir Zeit genommen hast.
Jule Fuchs
Vielen Dank euch für den Austausch. Das war sehr spannend.
Ina Teloudis
Das war sie also, Folge 23 von Inside Hochschulkommunikation. Von Expertinnen für Expertinnen rund um Kommunikation, PR, Marketing und Digitalisierung an Hochschulen und Forschungseinrichtung, powered by Bundesverband Hochschulkommunikation und MANDARIN EDU. Wenn euch die Folge gefallen hat, ihr kennt das, teilt sie gerne in euren Netzwerken, sagt dem Nachbarn Bescheid, denn ihn betrifft es auch früher oder später, das Thema haben wir ja gehört. Lasst gerne eine Bewertung da und schreibt uns auch gerne, wenn ihr sagt, Mensch, das ist mein Thema, darüber sollt ihr auch unbedingt mal sprechen. Und alle Infos, wie schon angedroht und angekündigt, findet ihr auch bei uns wie immer in den Shownotes. Danke fürs Zuhören und bis in 14 Tagen.