Folge 28- Handlungsfähig unter Druck- Wenn Hochschulen zur Zielscheibe werden
Anfeindungen in der Hochschul- und Wissenschaftskommunikation sind längst nicht mehr die Ausnahme. Nicht mehr nur einzelne Krisen, sondern ein kontinuierlicher Druck, der Forschende, Kommunikator:innen und ganze Institutionen vor Herausforderungen stellt. Und doch: Es gibt Hoffnung.
In dieser Sonderfolge von Inside Hochschulkommunikation nehmen wir euch mit zur Jahrestagung des Bundesverbands Hochschulkommunikation an der Universität Innsbruck. Über 500 Kommunikator:innen aus dem DACH-Raum trafen sich unter dem Motto „Dialog unter Druck – wie wir handlungsfähig bleiben". Und genau da setzten wir an.
Gemeinsam mit Kristin Küter vom SciCom Support und Annika Middeldorf von der Freien Universität Berlin sprechen wir in dieser Folge darüber, was sich in den letzten Jahren verändert hat. Das Bewusstsein ist größer geworden, auch bei Institutionen. Hass und Hetze werden nicht mehr als Privatangelegenheit einzelner abgetan, sondern als strukturelle Herausforderung erkannt. Und damit auch als Aufgabe der gesamten Organisation.
Aber wie bereitet man sich vor? Welche rechtlichen Möglichkeiten gibt es und warum sind Melderegisterperren und Anzeigen im eigenen Namen plötzlich ein Durchbruch? Wir diskutieren, warum der kollegiale Austausch mehr wert ist als jedes Handbuch und wie man sich als Ally für betroffene Kolleg:innen stark machen kann.
Eine Folge voller ehrlicher Einblicke und praktischer Wege, wie Hochschulen unter Druck handlungsfähig bleiben.
Ina Teloudis
Ja, herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Inside Hochschulkommunikation, dem Podcast für alle, die Lust haben, Hochschul- und Wissenschaftskommunikation weiterzuentwickeln, weiter zu denken, sich bisschen vernetzen wollen und vor allem auch Freude haben am Gestalten. Ich bin Ina Teloudis und wir melden uns heute mit der ersten von mehreren Sonderfolgen. Wir nehmen nämlich auf in Innsbruck bei der Jahrestagung des Bundesverbands Hochschulkommunikation an der Uni Innsbruck. Also ein super Dankeschön auch noch mal, dass wir hier die Räumlichkeiten nutzen dürfen, und vor allem auch an Melanie Bartosch von der Uni Innsbruck, die uns hier ihre Technik zur Verfügung stellt und uns unterstützt. Total schön. Jahrestagung, 3 Tage, mehr als 500 Kommunikator:innen sind hier vor Ort aus Hochschulen, Forschungseinrichtungen aus dem gesamten DACH-Raum und tauschen sich aus. Das Jahrestagungs Motto in diesem Jahr ist Dialog unter Druck, wie wir handlungsfähig bleiben. Und in dieser ersten Ausgabe an Sonderfolgen aus Innsbruck gehen wir auch gleich rein und ran an die Pain Points, wenn die eigene Hochschule oder auch Forschende plötzlich zur Zielscheibe werden. Dazu sind eingeladen Annika Middeldorf von der FU Berlin.
Hallo Annika!
Annika Middeldorf
Hallo!
Ina Teloudis
Und Kristin Küter vom Scicomm-Support. Schön, dass du auch da bist.
Kristin Küter
Hallo!
Ina Teloudis
Danke, dass ihr euch Zeit genommen habt, neben dem ganzen Jahrestagungsprogramm einmal hier reinzuschneien. Macht es mir einfach, stellt euch selber einmal kurz vor. Wer seid ihr? Was macht ihr im Tagesgeschäft und was ist euer Bezug zum Thema? Wer möchte anfangen?
Kristin Küter
Ich kann gerne starten. Also ich bin Kristin Küter, danke für die Vorstellung, vom Scicomm-Support. Wir sind die nationale Anlaufstelle für Anfeindungen, Angriffe in der Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation. Und genau das ist auch sozusagen meine Aufgabe. Die ist sehr vielfältig, geht natürlich vom Tagesgeschäft, aber eben auch Beratung, Workshops geben, auch die politischen Gegebenheiten mit einbringen und beachten. Und wir beraten Wissenschaftler:innen, Wissenschaftskommunikator:innen und auch Institutionen. Genau, das ist eigentlich mein Aufgabenfeld.
Ina Teloudis
Okay.
Annika Middeldorf
Und ich bin Annika Middelhoff von der Freien Universität Berlin. Ich leite dort unser kleines Social-Media-Team, bin auch schon 15 Jahre Jahre an der Uni und habe verschiedene Phasen mitgemacht und habe mich jetzt gefreut, mit Kristin diese Session anbieten zu können, in der es eben um den persönlichen Umgang mit Krisen geht, wie wir damit umgehen, nicht nur fachlich kommunikativ, weil wir an der Freien Universität tatsächlich verschiedene Krisenphasen hatten, in der auch auf Social Media starker Druck ausgeübt wurde und ich viele Learnings hatte. Einmal die fachliche Beratung auch über den Scicomm-Support, aber auch darüber zu sprechen, was macht das eigentlich persönlich mit einem, es mit tatsächlichen Anliegen neben all den vielen schönen Social-Media-Themen, die hier auch besprochen werden und wo man ganz viel von Kolleginnen lernen kann, diesen Raum zu schaffen.
Ina Teloudis
Jetzt hast du gerade schon gesagt, euer Workshop, der gemeinsame, der war gestern, der späte Nachmittagsslot, wenn ich das richtig weiß, also noch mal wirklich heavy zum Nachmittag hin. Wie hieß euer Workshop genau und was habt ihr gemacht?
Annika Middeldorf
Genau, Wenn die Hochschule zur Zielscheibe wird— Umgang, Resilienz und kollegiale Unterstützung.
Kristin Küter
Genau, und wir wollten da so einen Safe Space schaffen, um unter Kolleginnen, Kommunikator:innen sich eben auch austauschen zu können. Was erleben die einen, was erleben die anderen? Wie kann man sich eben zusammen auch Hilfestellung geben? Und das merken wir eben auch eben in unserer Beratung, in unseren Workshops, dass auch so ein Austausch vor allen Dingen sehr wichtig ist. Man fühlt sich da nicht alleine. Hass und Hetze, das soll isolieren. Und so kann man eben auch was dagegen beitragen.
Annika Middeldorf
Genau.
Ina Teloudis
Wie hattet ihr den Workshop aufgebaut gestern?
Annika Middeldorf
Wir haben zum einen eine kleine Schau in die Wissenschaft gemacht, sozusagen. Das bietet sich hier ja immer an. Also, was ist denn eigentlich schon untersucht und was wissen wir, was hilft in solchen Situationen? Da ist tatsächlich die Forschungslage nach meinem Kenntnisstand in journalistischen Redaktionen ganz gut, weil auch die viel mit Angriffen, auch persönlich, die Autor:innen zu tun haben. Und da sind so ein paar Learnings drin, wie etwa, dass der kollegiale Austausch eben einfach wichtig ist, also dass man Ansprechpersonen in der Institution findet und die institutionelle Rückendeckung ganz, ganz wichtig ist. Also wir haben einmal geschaut, was ist denn schon untersucht in dem Bereich und was lernen wir daraus? Und in einem weiteren Teil habe ich ein bisschen meine Erfahrungen geteilt und meine Learnings mit dem SciComm-Wissen sozusagen. Was ist denn auch rechtlich die Lage und die Möglichkeiten in Deutschland und Österreich auch noch mal dargelegt? Und dann sind wir in den Austausch gegangen.
Ina Teloudis
Hat sich da ein bisschen was verändert jetzt in den letzten Jahren? Das ist ja jetzt kein neues Thema, leider, das natürlich sicherlich an Fahrt aufgenommen hat. Aber gibt es da Updates, über die wir uns freuen können, vielleicht sogar?
Kristin Küter
Also das ist jetzt meine Beobachtung und meine Wahrnehmung total. Aber ich habe das Gefühl, dass das Bewusstsein ganz anders ist. Auch bei Wissenschaftler:innen sagt kaum einer mehr: Na ja, das ist ja meine Privatsache, da muss ich mich alleine drum kümmern. Das hat sich total geändert. Genau auch so bei den Institutionen. Da ist das Bewusstsein viel größer geworden, dass wir eben auch gestern noch eine Sache, worüber wir gesprochen haben, dass es eben nicht individualisiert wird, sondern auch auf eine strukturelle Ebene und auf die Kultur der Institutionen. Auch gehoben werden muss, damit der nicht vereinzelt dem begegnet werden muss. Das hat sich total verändert und teilweise auch wirklich rechtliche Aspekte. Also ich gebe so die einfachen Facts so mit. Wir haben sonst auch eine juristische ausgewiesene Beratung bei uns. Genau. Und da merke ich auch, dass da auch schon Wissen mehr vorhanden ist. So, also manchmal habe ich dann am Anfang der Workshops zum Beispiel über die Melderegistersperre gesprochen, dass das eine Möglichkeit ist, die man in Erwägung ziehen kann. Viele Leute wussten das gar nicht. Heute ist das nicht mehr so. Also das ändert sich schon.
Annika Middeldorf
Ja, ich kann das auch konkret noch mal bestätigen. Ich habe erst gestern in unserem Workshop gelernt, dass das Anzeigen stellen im Namen der Hochschule sozusagen, das geht nicht. Also man muss es schon mit eigenem Namen machen, aber man braucht es nicht mehr seit 2 Jahren etwa mit der eigenen Meldeadresse sozusagen machen. Und das waren Situationen, die eben dieses persönliche Leiden sozusagen immer verstärkt haben, weil wenn man dann irgendwie Dinge zur Anzeige bringen möchte und es aber nur soweit möglich war mit der eigenen Adresse, dann bringt einen das persönlich in Schwierigkeiten. Also, es sind dann doch immer strukturelle Dinge. Wenn die stimmen, dann ist auch der persönliche Leidensweg nicht so dolle. Und das habe ich zum Beispiel gestern selbst gelernt und total wichtig zu wissen.
Ina Teloudis
Ja, was auch ein ganz wichtiger Punkt, glaube ich, was ihr sagt, dass es auch in den Institutionen angekommen ist, dass das halt etwas ist, was man strukturell begleiten muss.
Annika Middeldorf
Ja, man, es ist eben schwierig zu sagen, für diesen Job braucht man halt ein dickes Fell oder na ja, das kannst du halt ab oder nicht. Und wenn das die Annahme ist, und das die Kultur ist unter den Kolleg:innen, dann ist das Leid größer, als wenn man immer mal wieder fragt, hey, wie geht's dir damit? Wie ist es heute? Und brauchst du irgendwas? Sollen wir irgendwie irgendeinen Ablauf ändern? Und das ist schon wichtig. Und ich glaube, in anderen Berufen ist man da auch weiter. Und vielleicht sehen sich Hochschulkommunikatoren auch noch nicht so sehr darin, dass sie davon auch betroffen sind, im Sinne von, wir können uns auch bei anderen abschauen, wie man mit schwierigen Situationen umgeht und einander stützt.
Kristin Küter
Genau. Und ich finde, gerade bei den Kommunikator:innen gibt es halt so eine Mehrfachbelastung. Also zum Beispiel, wenn man sich ums Community-Management kümmert und man wird da nicht persönlich angefeindet, aber man muss das dann ja lesen oder man schaut das dann an, man kriegt das so vor sich getragen und muss dann damit umgehen. Und wenn dann, dann der Angriff noch gegen die Institution oder wie kommuniziert wurde, gegen die Kommunikator:innen geht, dann ist man dann auch persönlich betroffen und vielleicht aber auch noch, weil man zu einer Gruppe gehört, die da abgewertet wird. Und das sichtbar zu machen ist wichtig. Und gleichzeitig ist die Institution, die Einrichtung dann ja auch mein Arbeitgeber. Und mein Arbeitgeber muss ja auch für mich sorgen, im gewissen Sinne, dass ich meiner Arbeit auch gut nachgehen kann. Also es liegt ja auch im Interesse der Institution, dass ich gute, fähige, gesunde Mitarbeiter:innen habe.
Ina Teloudis
Ich würde gerne noch mal reinhorchen. Ich weiß, ihr könnt natürlich jetzt keine Interna ausplaudern. Das war ja auch ein Safe Space. Was war da so? Was kam da so an Feedback gestern nach dem Workshop oder im Workshop auch? Wie ist so der Vibe? Spüren die das auch, dass sich was verändert hat, dass es einfacher wird, oder verändert sich zwar was strukturell, aber der Ton wird auch noch mal rauer jetzt zuletzt? Also wenn ich mir so angucke, was ja in einigen Bundesländern in Deutschland auch los ist, da stehen Landtagswahlen vor der Tür, oder die waren dann jetzt auch, wenn der Podcast gelaufen ist, dass eigentlich die Schlaggeschwindigkeit ja also gefühlt aus meiner Bubble so zunimmt auch.
Kristin Küter
Ja, also ich glaube, es gibt nicht mehr so ab abgegrenzbare Bereiche oder abgegrenzte Krisen. Es ist so von einem Thema zum nächsten. Die Anfeindungen kommen einmal aus der einen Richtung, mal aus der anderen Richtung. Also ich glaube, das ist sozusagen die stetige Veränderung und stetige— ich weiß nicht, ob da krisenhaft dann wirklich passt, aber die stetige Herausforderung dann zu kommunizieren oder darauf zu reagieren. Ich glaube, das ist eher so eine stetige Sache geworden oder so eine Dauersache.
Ina Teloudis
So ein Durchsetzungsprozess irgendwie, ne? Also ist es ein Shitstorm und dann ist Ruhe, sondern es ist so, der Teppich wird irgendwie durchgehend da so, ne.
Kristin Küter
Genau. Und sich dazu natürlich auszutauschen hilft dann natürlich auch, die verschiedenen Beispiele. Wie macht ihr das? Wie machen wir das? Teilweise eben auch Ähnlichkeiten von Dingen, die an einen herangetragen werden, dass man sich dazu auch austauschen kann. Und dann manchmal auch ganz praktische Tipps. Wie macht ihr das auf der Plattform? Habt ihr da schon Erfahrungen mit gemacht?
Ina Teloudis
Macht ihr die Kommentarspalte vielleicht auch einfach mal zu?
Kristin Küter
Genau, was ist dann passiert? Wie erging es euch da? So ein Austausch auch.
Annika Middeldorf
Ja, genau, das hilft sehr. Und eigentlich haben wir alle auch eine Rolle, nicht nur, wenn wir betroffen sind sozusagen, sondern vielleicht auch als Ally irgendwo die Kollegin mal anzusprechen und zu sagen, ich sehe, was bei euch los ist. Wie ist es? Willst du mal dich austauschen oder so? Auch das hilft erwiesenerweise. Und das kann ich auch aus Erfahrung sagen, das ist, haben sich bei uns auch Kolleginnen gemeldet. Das tut einfach richtig gut. Also da haben wir dann auch eine Rolle. Vielleicht traut man sich nicht, im Kommentar zur Seite zu springen, wenn wenn es total brennt, aber dann die Kollegin anzuschreiben oder den Kollegen und da ein bisschen in den Austausch gehen, ist halt auch eine wichtige Rolle. Und da sind wir hier, das sehen wir auch an der Tagung, eigentlich immer super im Austausch. Und wenn wir das auch in den krisenhaften Zeiten sind, ist es eben auch echt stark.
Ina Teloudis
Ihr habt ja jetzt auch so ein bisschen den Idealfall beschrieben, auch also, dass es gut läuft, dass es strukturell wie gesehen wird von der Institution. Aber auch wenn es gesehen wird von der Institution, heißt es ja noch nicht sofort, dass man jetzt weiß, was ist denn jetzt zu tun, Christin, vielleicht kannst du da noch mal den Scicomm-Support nach vorne schieben, weil das ist ja, egal ob ich Rückenwind habe von meiner Institution oder nicht, eine tolle Anlaufstelle.
Kristin Küter
Genau, also man kann sich auf jeden Fall bei uns melden, eben auch als Kommunikator:innen, sozusagen auch als ganzes Team oder als Leitung oder als Einzelperson einfach uns anrufen. Da keine Scheu haben, bitte nicht irgendwie denken, ach, das war jetzt noch nicht so schlimm. Bitte anrufen frühzeitig, wir schauen uns das an, wir unterstützen. Und dann sind wir da auch eben an der Seite dabei.
Ina Teloudis
Ja, super, Kristin, dankeschön. Danke, Annika, danke, Kristin, dass ihr hier reingeschneit seidt. Und dann schaffen wir es jetzt auch alle zum nächsten Programmpunkt.
Kristin Küter
Super, vielen Dank.
Annika Middeldorf
Dankeschön.
Ina Teloudis
Das war Folge 28 aus Innsbruck von Inside Hochschulkommunikation, powered by Bundesverband Hochschulkommunikation und MANDARIN EDU. Ihr habt Feedback? Schreibt uns gern. Alle Kontaktdaten Infos auch zum Scicomm-Support, zu Kristin, findet ihr natürlich auch noch mal in den Shownotes. Und wenn euch diese Folge gefallen hat, ihr wisst, wie es ist, teilt sie gerne in euren Netzwerken. Danke fürs Zuhören und bis in 14 Tagen.