Folge 20: Wissenschaftskommunikation 2026: PR, Strategie & echte Partizipation.
Inside HKomm – Der Podcast
Forschung greifbar machen und die Gesellschaft einbinden. Wissenschaftskommunikation ist ein großartiger Auftrag. Aber wie füllt man ihn im Alltag mit Leben, wenn Budgets oft fest vorgegeben sind und die Grenze zur klassischen Hochschul-PR fließend verläuft?
Das klären wir in Folge 20 von Inside Hochschulkommunikation. Gemeinsam mit Philipp Schrögel (TU Chemnitz) und Ralf Garten (Hochschule Osnabrück) diskutieren wir, wie zeitgemäße Wisskomm funktioniert und wie sie sich klug in der Kommunikationsstrategie verankern lässt. Wir zeigen auf, wie man Vertrauen in die Wissenschaft aktiv aufbaut und echte Partizipation schafft – zum Beispiel ganz nahbar beim „Heimspiel Wissenschaft“ im lokalen Sportheim.
Dabei betrachten wir, wie man Synergien clever nutzt, um knappe Ressourcen effizient einzusetzen, und warum authentischer Social-Media-Content direkt aus der Forschung oft die stärkste Wirkung erzielt. Außerdem sprechen wir über den wertvollen „Scicomm-Support“, der Wissenschaftler:innen im öffentlichen Diskurs aktiv den Rücken stärkt.
Eine Folge voller Impulse, um Wissenschaftskommunikation im Alltag strategisch zu meistern: Schnell, ehrlich und mit Aha-Effekt.
Ina Teloudis
Herzlich willkommen zurück zu Inside Hochschulkommunikation, kurz Inside HKomm, dem Podcast für alle, die Hochschul- und Wissenschaftskommunikation gestalten, weiterdenken und vernetzen wollen. Ich bin Ina Teloudis und wir reden heute über etwas, das ihr alle vermutlich, also auf jeden Fall zum Teil, täglich ganz, ganz natürlich und selbstverständlich tut, nämlich Wissenschaftskommunikation an Hochschulen. Klingt ja erst mal auf Blatt Papier immer nach einem superschönen Auftrag. Ein bisschen Forschung erklären, so ein bisschen Gesellschaft teilhaben lassen, Brücken bauen zwischen Labor und Lebenswirklichkeit. Aber dann kommt die Realität ja oft. Knappe Ressourcen, bisschen Schwierigkeiten bei den Zuständigkeiten, eine Gesellschaft, die nach Corona auch so ein bisschen, zumindest stellenweise, das Vertrauen in die Wissenschaft, na ja, ein bisschen anders sortiert als vorher. Und die Frage: Was ist denn Wissenschaftskommunikation 2026 überhaupt? Was ist PR? Was ist Beiwerk? Welche Ziele kann es geben und wie sieht es in der Praxis aus? Das wollen wir heute klären. Dazu habe ich zwei Gäste eingeladen, beide digital zugeschaltet. Das ist einmal Philipp Schrögel, Gastwissenschaftler an der TU Chemnitz. Hallo Philipp!
Philipp Schrögel
Hallo!
Ina Teloudis
Und außerdem dabei Ralf Garten, Kommunikationsleiter an der Hochschule Osnabrück. Hi!
Ralf Garten
Hallo Ina! Hallo Philipp!
Ina Teloudis
Ja, schön, dass ihr beide da seid. Macht es mir doch mal einfach. Wärt ihr so lieb und sagt kurz, was macht ihr so im Tagesgeschäft? Was treibt ihr da? Warum sitzt ihr heute hier? Was ist euer Bezug zum Thema? Philipp, fang gern einfach mal an.
Philipp Schrögel
Gerne. Ich kann auch quasi mit brandaktuellen Breaking News starten. Seit vorgestern bin ich wieder wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Chemnitz. Ich arbeite da an einem Forschungs- und Praxisprojekt zur Partizipation in der Wissenschaft, also gemeinsam Wissenschaft betreiben, gemeinsam Daten erheben, so ein bisschen auf der übergreifenden Ebene, was denn eigentlich diese ganzen unterschiedlichen Formen sind. Partizipative Wissenschaftskommunikation wäre jetzt ein Teil davon. In dem Projekt ist die Hauptaktivität, dass wir eine jährliche übergreifende Konferenz ausrichten. Und parallel dazu habe ich dann noch so ein kleines akademisches Nebenprojekt. Bin ich auch noch wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bonn, am Bonn Lab for Analog Games and Imaginative Play, wo ich gerade ganz frisch, das gibt es quasi noch gar nicht, ist ja auch noch mal Breaking News, die Welt weiß noch gar nichts davon, ein Projekt jetzt starte zur Wissenschaftskommunikation mit Brettspielen.
Ina Teloudis
Okay, da musst du auf jeden Fall nachher mehr drüber erzählen, wenn wir in die Praxis kommen. Ralf, wie ist es bei dir?
Ralf Garten
Ja, so viel Breaking News kann ich jetzt nicht bieten. Ich bin ja, wie gesagt, an der Hochschule Osnabrück und leite den Bereich Kommunikation und Marketing. Da ist Wissenschaftskommunikation natürlich ein großes, wichtiges Thema. Wir haben hier an der Hochschule ein relativ großes Projekt vor 4 Jahren begonnen. Das nennt sich GROW, richtet sich so an den Transfer, und eben ein Teilbereich ist die Wissenschaftskommunikation. Das ist ein Teilprojekt, wo wir die Werkstatt Wissenschaftskommunikation gegründet haben, und die leite ich auch in diesem Teilprojekt. Und deswegen ist mein direkter Bezug zur Wissenschaftskommunikation darüber. Und nebenbei bin ich auch im Bundesverband Hochschulkommunikation aktiv tätig, da eher jetzt nicht in der Wissenschaftskommunikation, sondern da eher fürs Geld, für die Finanzen.
Ina Teloudis
Wichtiges Thema. Das eine hat ja auch immer, immer, immer mit dem anderen zu tun, habe ich schon gelernt. Bevor wir jetzt noch mal über Ziele, Herausforderungen oder auch die Praxis sprechen, müssen wir einmal ganz kurz klären, glaube ich, worüber wir überhaupt reden. Wissenschaftskommunikation, Wisskomm, sagen wir alle ständig diesen Begriff, also zumindest ihr in euren Kreisen und ich dadurch natürlich auch. Aber ich glaube, der Begriff wird ziemlich unscharf benutzt. Haben wir gerade auch schon gemerkt. Wo ist so die Grenze? Was ist Wissenschaftskommunikation? Kommunikation? Wann geht's Richtung Hochschul-PR? Mögt ihr mal sagen, was ist für euch reine Wissenschaftskommunikation und was ist es ausdrücklich nicht? Wo läuft da so die Grenze?
Ralf Garten
Gut, fange ich mal an. Also für mich ist Wissenschaftskommunikation eben die gesamte Kommunikation aus der Wissenschaft heraus und auch in sie hinein. Also Kommunikation ist ja immer zweidirektional, also sowohl rein als auch raus. Und das kann man über verschiedene Sachen machen: gesellschaftliche Debatten mit über Wissenschaft, medial vermittelte Kommunikation, redaktionelle traditionelle Medien, Print, digitale Plattformen bis hin, und das ist ganz wichtig, dass man Formate findet in der Kommunikation und da zur gezielten Partizipation mit allen möglichen Zielgruppen halt aufruft und das auch implementiert in Prozesse.
Philipp Schrögel
Ja, da kann ich eigentlich wunderbar anschließen, sowohl an die Frage als auch an Ralfs erste Bemerkung, denn die Beobachtung stimmt tatsächlich, das ist ein sehr unterschiedlich verwendeter Begriff. Manchmal unabsichtlich, manchmal aber auch sehr gezielt, wenn man etwas im Bereich der Wissenschaftskommunikation verorten möchte oder anderen abspricht, Teil der Wissenschaftskommunikation zu sein. Das ist teilweise durchaus auch ein umkämpfter Begriff, würde ich sagen, in manchen Bereichen. In der Forschung hat sich tatsächlich mittlerweile eine sehr breite Fachdefinition eigentlich etabliert. Mike Schäfer und Kolleg:innen— ich kriege es immer nie wortwörtlich hin, aber im Prinzip das, was Ralf gerade gesagt hat, alle Formen der Kommunikation von, über, aus, mit Wissenschaft, ihren Institutionen, Ergebnissen, Prozessen und so weiter, bedeutet insbesondere eben, wie Ralf schon gesagt hat, nicht nur aus der Wissenschaft heraus. Das ist was, was sehr viele hauptsächlich mit Wissenschaftskommunikation assoziieren, wenn man jetzt so auch landläufiges Verständnis, aber teilweise auch in der Politik. Ja, es geht um die Vermittlung von wissenschaftlichem Wissen.
Ina Teloudis
Ja, genau.
Philipp Schrögel
Dazu kommt aber eben sehr stark dieser zweite dialogische Teil. Es geht auch um Kommunikation aus Gesellschaften in Wissenschaft hinein, ein gemeinsames Co-Forschen. Und was vielleicht noch auch interessant ist und ein bisschen runterfällt, und es gibt noch so eine andere, auch aktuelle Definition, die ich sehr, sehr interessant und hilfreich finde, wenn man auf dieses Phänomen schaut: Die gesellschaftliche Konversation um Wissenschaft herum, the social conversation around science, verdeutlicht also auch: Wissenschaftskommunikation kann stattfinden, ohne dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beteiligt sind. Das ist auch etwas, was man sich überlegen muss. Das ist nicht immer gut. Das ist noch keine Wertung. Es kann auch schlechte Kommunikation sein. Ja, auch jemand, der wissenschaftliche Fake News verbreitet, ist erst mal in diesem Feld aktiv und dann Akteurinnen und Akteure der institutionellen Wissenschaftskommunikation müssen dann damit irgendwie umgehen mit dem Scherbenhaufen, der da hinterlassen worden ist. Aber wenn man es eben analytisch betrachtet, sehr wichtig, das Ganze zu verstehen. Und vielleicht auch noch mal so eine Nische, um mal so die Ränder auszuloten, aufzumachen, was viele auch vergessen in dieser allgemeinen Definition von Wissenschaftskommunikation. Die könnte man jetzt mal so grob— und die Trennung ist heutzutage auch schwieriger geworden, aber prinzipiell könnte man das auch unterscheiden in interne und externe Kommunikation. Und das heißt aber auch, dass interne Kommunikationsprozesse, also der Fachvortrag auf einer Konferenz, der Austausch zwischen Kolleg:innen, auch das ist ja dieser Definition nach Wissenschaftskommunikation. Und das wird durch diese erwähnte Aufhebung der Grenzen, wir haben es in der Covid-Pandemie gesehen, ja, Preprints werden jetzt schon zunehmend direkt öffentlich diskutiert. Wie schon gesagt, das ist alles nicht unbedingt nur eine positive Sache, aber es findet eben statt. Wissenschaftliche Erkenntnisse im vorfinalen Stadium werden schon öffentlich rezipiert und dann eben kommentiert. Also macht Sinn, das durchaus mitzudenken. Und ein allerletzter Satz noch dazu: Diese sehr breite Definition bedeutet auch, dass man eigentlich damit auch Bereiche, Institutionen, Herangehensweisen, die eigene etablierte Begriffe und Traditionen haben, beispielsweise Kommunikation aus Museen heraus oder in Museen oder auch didaktische Elemente, die eigentlich sonst gar nicht unter diesem Begriff verhandelt werden, weil es da ein eigenes Theoriegerüst ein eigenes Begriffsverständnis etabliert hat. Aber eigentlich fallen die damit dann auch zumindest an Schnittstellen zu Wissenschaftskommunikation dazu. Und dann ist mir auch die Frage, wenn ich mit Schülerinnen und Schülern in der Schule spreche, dann ist es Didaktik. Wenn ich Schülerinnen und Schüler zu einem Nachmittags-Event an der Uni einlade, ist es auf einmal Wissenschaftskommunikation. Also sieht man, dass da fällt dann auch wieder diese Grenze in sich zusammen. Deswegen macht es Sinn, das in der Betrachtung auch irgendwie zusammenzudenken.
Ralf Garten
Wenn ich noch kurz ergänzen darf an der Stelle, also was ganz wichtig ist, das haben wir, ich glaube, beide schon angedeutet, ist halt, dass es eben nicht nur das Kommunizieren von Ergebnissen und Erfolgen und Forschungsprojekten, die irgendwelche Erkenntnisse haben, sondern was eben da sehr spannend ist und was gerade oder in den letzten Jahren in der Gesellschaft ja zunehmend die Kritik kam, ist das: Wie kommt man denn dahin? Was, wie ist der Prozess? Also wie können wir als Gesellschaft vielleicht auch in diesen Prozessen mitwirken? Und das ist eben dieser wichtige Punkt des Partizipativen, dass man da viele Zielgruppen, die breite Gesellschaft an geeigneter Stelle mitnimmt. Und dann ist auch das Kommunizieren von Ergebnissen einfacher, weil eine große Anzahl von Leuten halt schon weiß: Aha, da läuft was und die haben das so gemacht, jetzt verstehe ich auch das Ergebnis. Und das ist in vielen Dingen gerade in der Pandemie nicht gut gemacht worden. Und deswegen ist das so ein bisschen der Ursprung, dass wir halt schon an manchen Stellen jetzt ein Problem haben der Wertschätzung und auch der Akzeptanz von Wissenschaftskommunikation und Forschung.
Ina Teloudis
Es ist ja nun auch so, dass Wissenschaftskommunikation, ja, habt ihr gerade angerissen, ja nicht ein Ziel, sondern sehr, sehr viele unterschiedliche Ziele hat. Ziele verfolgt. Genauso gibt es natürlich auch unterschiedliche, sage ich mal, Interessenhalter, Stakeholder sagt man ja, glaube ich, die natürlich auch irgendwo ihre eigenen Ziele haben. Das sind einmal die Hochschulen als Institution, dann gibt es die Forschenden, die natürlich auch irgendwie gucken, wie positioniere ich mich, wo werde ich gesehen und gehört, vielleicht auch noch Politik so ein bisschen als Förderer oder Bremser, auch die Medien noch als Zwischenebene. Wie kriegt man die denn alle unter einen Hut? Kriegt man die alle unter einen Hut?
Ralf Garten
Ich glaube, man kriegt die nicht immer unter einen Hut. Das ist auch nicht gewollt. Wissenschaftskommunikation für alle mit dem gleichen Vorgehen und Ergebnis, das funktioniert nicht. Das geht nicht. Und wie Philipp gerade ja schon sagt, das ist halt ein Unterschied, welche Zielgruppe ich gerade ansprechen will. Wenn die MS Wissenschaft jetzt beispielsweise mit hochkarätiger Forschung über die Kanäle in Deutschland tuckert und Wissenschaft also ab 12-Jährige beibringt, ist das was anderes, als wenn ich halt in der Fachcommunity mit wissenschaftlichen Kenntnissen kommuniziere. Das sind wirklich zwei völlige Ansätze und dann erreiche ich wirklich nur die Zielgruppe, die ich da wirklich ansprechen will. Natürlich gibt es Formate wie Wissenschaftstage, Campusnächte und so weiter, wo ich ein breites Spektrum erreiche. Das richtet sich dann aber auch an die Breite des Programms. Auch nicht jeder Programmpunkt, der da vorgestellt wird, ist eben für jede Zielgruppe was. Deswegen die erfolgreichsten Wissenschaftsnächte wie Berlin, Hamburg und anderen, die haben dann eben richtige Kataloge, wo man auswählen kann. Ich bin der und der und ich würde gerne so und so was sehen und dann wird mir was vorgeschlagen. Und dann erreiche ich dann eben unterschiedliche Zielgruppen an unterschiedlichen Projekten, Ständen, Messen, wie auch immer, Veranstaltungen, Diskussionsrunden und so weiter und so fort. Also man kann in einigen Formaten viel bündeln und dann auch viel erreichen, aber an unterschiedlichen Stellen.
Philipp Schrögel
Das finde ich eine super wichtige Anmerkung jetzt gerade, dieses eben sehr Spezifische, an wen das geht. Wenn man doch mal stärker auf die Ziele schaut, das war ja in der Frage auch schon angerissen, ist das, glaube ich, schon überhaupt ein sehr wichtiger Schritt, der in meiner Wahrnehmung weder in der Praxiscommunity, vielleicht da zunehmend, aber noch auch so richtig in der Wissenschaftspolitik und auch ein bisschen in der Forschung, würde ich sagen, so wahrgenommen wird, dass es eben in so einem Prozess oder einem Projekt, wenn wir es mal darauf runterbrechen, unterschiedliche Ebenen mit unterschiedlichen Zielen geben kann. Und das wird ja erst dann ein Problem, wenn die im Widerspruch zueinander stehen. Da sind wir dann auch direkt bei diesen Abgrenzungen und Ausgrenzungsprozessen. Ja, ja, das ist doch keine Wissenschaftskommunikation, das ist doch nur Marketing. Und da muss ich sagen: Nein, natürlich, wenn ich jetzt, also ich habe eine Aktivität und die hat natürlich einerseits mehrere Wirkungen. Also sie kann dann eben beispielsweise die Hochschule interessant dastehen lassen, kann aber natürlich gleichzeitig auch trotzdem etwas Inhaltliches vermitteln zu einem relevanten gesellschaftlichen Thema und kann vielleicht auch gleichzeitig noch ein kreatives, innovatives Format sein, dass der oder die Wissenschaftlerin einfach aus Lust an der Sache, aus Lust am Mitmachen teilnimmt. Da können also sehr unterschiedliche Motivationen bestehen. Und wie schon gesagt, sich dessen bewusst zu sein, dass die eben auch parallel bestehen und nicht immer nur so, es wird auf einen Begriff zugeschrieben. Ich glaube, das ist sehr zentral. Diese Erkenntnis hat sich noch nicht überall durchgesetzt und darauf müsste man eigentlich bestehen. Problematisch wird es erst, wenn die intendierten Wirkungen und die tatsächlich umgesetzten Aktivitäten nicht, oder die nicht mal intendiert, die behaupteten Motivationen und Wirkungen mit den dann umgesetzten Maßnahmen nicht in Einklang zubringen sind. Also wenn ich behaupte, nein, nein, wir möchten natürlich die Hochschule darstellen und aber auch Wissen vermitteln, aber dann, keine Ahnung, ich übertreibe jetzt mal bewusst, die Banner mit dem Hochschullogo 10-mal so groß sind wie der Inhalt auf der Folie, dann muss ich sagen, vielleicht liegen dann die Prioritäten in der Umsetzung doch ein bisschen anders. Oder lässt sich in beliebig viele Richtungen entdecken. Das war jetzt nur ein provokantes Beispiel.
Ina Teloudis
Also da bin ich wahrscheinlich auch ein bisschen weichgespült, aber ich denke auch, die Intention wird ja immer eine gute sein, ne. Also jeder hat natürlich sein Herzensprojekt, seine Aufgabe, seine Prios, die er kommunizieren möchte. Und wenn es so läuft, wie du gesagt hast, Philipp, dass im Grunde alle davon profitieren, ist natürlich wirklich sehr Pipi Langstrumpf. Aber dass es wirklich auch Bereiche und Projekte gibt, wo jeder Stakeholder seinen Nutzwert daraus ziehen kann. Und das eine schließt das andere ja nie aus. Das hast du ja vorhin wirklich am guten Beispiel auch aus der Praxis auch gezeigt. Also das ist doch eigentlich super. Kann natürlich nicht immer so sein.
Philipp Schrögel
Aber das ist natürlich dann, da sind wir jetzt ja schon mitten im Alltagsgeschäft eigentlich. Und was ja auch zunehmend die Kolleginnen und Kollegen in den Kommunikationsabteilungen, auch da ist schon wieder die Frage, wie heißt es dann überhaupt, in den Transferabteilungen, wie auch immer, in diesen Schnittstellen an der Hochschule, da auch als Kommunikation, Transfer, wie auch immer, Engagementmanagerinnen und -manager verhandeln und gegebenenfalls auch ja mediativ tätig werden müssen. Weil ich glaube schon, dass es so, so wunderbar reibungslos funktioniert, wissen wir natürlich alle, ist eben nicht so. Es gibt ja doch real existierende Machtstrukturen an den Hochschulen. Es gibt durchaus gewisse akademische Egos, die mal mehr oder weniger deutlich zutage treten in solchen Prozessen. Und das kann dann natürlich dann schon Auswirkungen auf den Erfolg eines Projektes oder eines Formats haben. Also Hochschulkommunikation ist ja auch strategische Leitungsaufgabe.
Ralf Garten
Und darunter verbirgt sich nach meinem Verständnis auch die Akzeptanz und die Wertschätzung der Kommunikation als Fachexpertise. Die Kolleginnen und Kollegen in den Abteilungen können ihren Job. Also natürlich gibt es auch da oder mal die eine oder andere Ausnahme, aber wir in den Abteilungen wissen, wie wir die Instrumente nutzen, wie wir gute Themen platzieren, wie wir gute Texte schreiben, Social Media nutzen, Veranstaltungen, Organisationen und so weiter und so fort. Und auch wir wissen aber, viele haben auch einen naturwissenschaftlichen, gesellschaftswissenschaftlichen, sozialwissenschaftlichen Hintergrund, können schon auch einschätzen, ob Forschung halt wirklich relevant an der Stelle ist oder ob gehypte Prozesse, Projekte, Ergebnisse vielleicht nicht kommuniziert werden. Und das wäre schon gut, wenn man uns an der Stelle ernst nimmt und auch die Entscheidungshoheit gibt, was von der Hochschule, von der Institution halt veröffentlicht wird und was man eben an der Stelle vielleicht auch mal nicht macht.
Ina Teloudis
Und auch wie und wo, ne?
Ralf Garten
Richtig, genau.
Ina Teloudis
Aber ich glaube, das ist tatsächlich auch kein Hochschul- und kein Uni-Thema allein.
Ralf Garten
Nö, also gut, aber gut, wir reden natürlich an der Stelle heute über Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen an erster Stelle. Wir wollen natürlich auch Einfluss an, zum Beispiel, die Politik nehmen, dass man halt Erkenntnisse, Prozesse aus der Wissenschaft auch in die politischen Entscheidungen mitnimmt und darüber dann vielleicht auch in wie auch immer gearteten Formaten dann im Vorfeld diskutiert, bevor man irgendwelche Gesetze macht. Das ist auch Wissenschaftskommunikation und es ist natürlich auch unser Wunsch, dann Prozesse eben anderen Zielgruppen erst bekannt zu machen, damit sie vielleicht auch darüber nachdenken, wie gewisse Entscheidungen dann überhaupt dahinkommen. Die Wissenschaft ist ja nicht die Community, die diese Entscheidung dann fällt, sondern sie gibt ja nur die Basis, damit andere Entscheidungen treffen können.
Philipp Schrögel
Das wäre dann wiederum der Anknüpfungspunkt zu sagen, warum dann doch wiederum Hochschulen, jetzt nicht alleine Hochschulen, sondern Hochschulen und andere Forschungseinrichtungen oder forschungsnahe Einrichtungen dann doch wieder eine gewisse Sonderrolle haben, weil eben da ein ganz anderer Anspruch an die Gültigkeit der erarbeiteten Ergebnisse, Erkenntnisse besteht. Und auch dieses Vertrauen, was Wissenschaft zugesprochen wird, was ja weiterhin nach bevölkerungsrepräsentativen Befragungen durchgängig hoch ist. So dieses andauernd wiederholte Mantra: Oh Gott, das eingebrochene Vertrauen in die Wissenschaft. Das stimmt ja gar nicht. In der Covid-Pandemie ist es sogar noch leicht gestiegen. Jetzt sind wir wieder so ungefähr auf den vorherigen Werten. Was zugenommen hat, so ein bisschen an den Rändern, natürlich die extrem lauten Kritiker:innen, die Querdenker:innen mit abstrusen Thesen, die dann medial verstärkt auch mehr Aufmerksamkeit erfahren und damit auch mehr im öffentlichen Bewusstsein präsent sind und natürlich dann auch von manchen Parteien politisch instrumentalisiert werden und damit auch noch mal diese Botschaft verstärken. Aber generell genießt Wissenschaft weiter eigentlich ein sehr hohes Vertrauen und das muss man sich natürlich auch entsprechend verdienen durch solche Prozesse und eben genau zu überlegen: Was kommuniziere ich? Mit welcher Aussagekraft? Mit welcher Empfehlung? Worauf beziehe ich mich dabei?
Ralf Garten
Genau, nichtsdestotrotz sind Hochschulen und auch Forschungsinstitutionen auch Wirtschaftsunternehmen. Sie müssen an irgendeiner Stelle auch Erfolg haben, um halt weiter zu bestehen können, dass sie Drittmittel bekommen, dass sie attraktiv sind für die besten Forscher:innen, dass Stellen besetzt werden und so weiter und so fort. Also es ist natürlich jetzt nicht nur immer, dass wir halt die Freiheit der Wissenschaft und Forschung da vertreten, sondern wir müssen natürlich auch weiter existieren können. Und da gibt es natürlich manchmal Reibungspunkte, wo man gut abwägen muss, was wirklich gut, sinnvoll und auch demokratisch wertvoll ist.
Ina Teloudis
Wie ist denn da der Status quo, wenn wir da mal gucken? Ist natürlich ein schwieriges Thema. Ich weiß auch nicht, ob ihr da allgemein sprechen könnt, aber ich denke, dass ihr da wahrscheinlich schon was zu sagen könnt. Wie ist die Ressourcenlage, Personal, Budgets, Zeit? Wie ist so der Realitätscheck in der Hochschullandschaft?
Ralf Garten
Die Ressourcenlage ist unterschiedlich und reicht von angespannt bis ist okay. Ich glaube, alle Bundesländer schmeißen jetzt nicht mit dem Geld um sich, sondern es gibt unterschiedlichste Kürzungen oder auch Deckelungen von Budgets. Wichtig sind an der Stelle natürlich gerade beim Bereich Wissenschaftskommunikation eben auch drittmittelgeförderte Projekte. Also die kleineren Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften haben viel aus dem Thema Innovative Hochschule rausgenommen. Da sind viele Projekte gemacht worden, die zu Wohle der Wissenschaftskommunikation auch vom Aufbau für Strukturen, vom Weiterausprobieren halt genutzt worden sind. Die großen Universitäten haben dann an der Stelle dann die Exzellenzinitiative, wo viel Geld an die Exzellenzcluster natürlich auch gespielt wird und auch natürlich ein Teil in das Thema Wissenschaftskommunikation. In jeder Ausschreibung ist da ein Part auch drin, dass das gemacht werden muss und auch sowohl mit Sachmitteln und Personalmitteln halt dann auch bedeckt werden muss. Aber es gibt natürlich viele Bereiche, die also bei so Exzellenzclustern überhaupt keine Rolle spielen bzw. auch in Hochschule immer einen schweren Stand haben und für die ist es dann schwierig. Und die Strukturen in den Hochschulen sind auch unterschiedlich. Bei uns in Osnabrück haben wir Kommunikation und Marketing zusammengefasst. Auch das Thema Förderung und Stiftung ist jetzt in einer Abteilung. Aber das ist bei vielen Hochschulen anders. Es gibt eine Abteilung Marketing, Kommunikation und dann noch eine Abteilung Wissenschaftskommunikation. Ja, ja. Und da gibt es Vor- und Nachteile. Und ich möchte mich jetzt nicht hier aus dem Fenster lehnen und sagen, was gut und was schlecht ist, aber man sollte schon gut die Vor- und Nachteile abwägen. Und wenn es in der eigenen Institution nicht gut läuft, dann muss man auch den Mut haben, mal andere Wege zu gehen und Abteilungen zusammenzufassen und Synergien zu bündeln, auch über neue Personalmittel wie zum Beispiel Poolbildung in der Wissenschaftskommunikation, um attraktive Arbeitsverhältnisse zu schaffen, eben mal zumindest darüber nachdenken und eine Entscheidung fällen für oder wider und die auch begründen. Und das fehlt mir an vielen Stellen.
Philipp Schrögel
Eine zweite Ebene dazu sind natürlich noch die, ja, hoffentlich beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Auch da ist es ja, ich denke, alles lässt sich so auf die Forschung übertragen, was Ralf gerade ausgeführt hat. Vielleicht noch eine besondere Herausforderung ist dort auch, dass natürlich durch die zunehmende Drittmittelfinanzierung immer weniger grundlagenfinanzierte Zeit da ist, sich überhaupt auf etwas einlassen zu können. Nun kann zwar auch bei Drittmittelprojekten zunehmend Wissenschaftskommunikationsaktivitäten eingeworben werden, das sind dann aber meistens Sachmittel oder vielleicht dezidierte Stellen als Kommunikationsmanagerin. Und die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machen es dann irgendwie so nebenbei aus ihrer Zeit oder eine etwas kreative Auslegung der Dienstaufgabenbeschreibung. Ich glaube, das ist tatsächlich eine Herausforderung, das leisten zu können, insbesondere wenn es dann eben auch eine Beteiligung an anderen Aktivitäten gibt. Ich habe meine Auslastung und wenn dann von irgendjemand anderem eine Interviewanfrage kommt, klar machen wir das. Aber wenn ich mal gucken würde, was ist eigentlich meine bezahlte Arbeitszeit, was darf ich eigentlich? Da schaut niemand so genau hin in der Realität. Aber was dürfte ich eigentlich laut meiner Dienstaufgabenbeschreibung machen? Dann ist es schon in vielen Fällen eine Grauzone. Und natürlich gerade auch bei längerfristigem Kommunikationsengagement diese große Herausforderung, dass sehr viel gerade von kreativen Aufgaben, von der Menge der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die eben unterhalb der eigenen Professur oder des eigenen Lehrstuhls arbeiten, die fast alle nur prekär angestellt sind. Und dann auch sehr kurzfristig für sich selber dann auch wieder, dann sind wir wieder zurück an dem Punkt von vorhin diese Nützlichkeitsüberlegungen zu machen. Ist ja schön und gut, wenn ich meinen Bildungsauftrag, meine gesellschaftliche Rolle hochhalten muss, aber was für mich zählt, ist: Kriege ich das Paper fertig, um meine Vertragsverlängerung zu bekommen, um im nächsten Jahr noch einen Arbeitsvertrag zu haben? Und das sind dann schon Fragen, wo ich verstehen kann, bei aller Motivation, bei allem Engagement, und das ist ja wirklich Engagement bis zur Selbstausbeutung, darauf baut ja Wissenschaft in einer gewissen Weise auf, zu fragen: Kann ich denn dann noch an einem Science Slam oder einem Wissenschaftsfestival teilnehmen? Weil eigentlich Kann es mir eigentlich gerade nicht leisten.
Ralf Garten
Genau, und das ist ein wichtiger Punkt, den Philipp gerade anreißt, weil die sich ja gerade in der deutschen Hochschullandschaft die Strukturen gerade ein bisschen verändern. Also die HAWs bekommen eigentlich jetzt überall auch das Promotionsrecht. Das bedeutet auch, dass da mehr Forschung verortet werden wird, von Promotionszentren über Forschungszentren und so weiter und so fort. Und da ist in diesen Gesetzgebungen oder auch, wie sie dann ausgelebt werden, nicht immer so richtig vorgesehen, was machen wir denn jetzt noch mit den Ressourcen? Wie können wir das unterstützen? Wie können wir denn Promotionszentren, Forschungszentren mit Kommunikationsmenschen, Abteilungen, wie auch immer, halt stützen, damit das, was wir dann tun, neu aufbauen, auch wahrgenommen wird? Und ich glaube, da gehen wir jetzt in so eine kleine Falle rein, weil am Anfang kann man vielleicht irgendwelche Drittmittel da irgendwie noch verwenden, um strategische Projekte daraus zu bauen. Aber was ist in 2, 3 Jahren, wenn diese Projekte auslaufen und die Hochschulen eben kein Budget haben, das dann irgendwie fortzuführen? Das wäre gut, wenn die gesetzgebenden Institutionen das ein wenig besser mitdenken würden und an der Stelle auch sagen, ja, zumindest ein Teil der Ressourcen müssen irgendwie auch verstetigt werden.
Ina Teloudis
2 Jahre sind ja auch keine Zeit, ne, wenn man mal drüber nachdenkt.
Ralf Garten
Also genau, also wenn ich jetzt die Abteilungen von HAWs vergleiche mit gleich großen Universitäten, da liegen da Welten dazwischen. Und mittlerweile ist es halt so, dass die Aufgaben jetzt nicht viel unterschiedlicher sind. Die einen forschen in anderen Gebieten als die anderen, aber geforscht wird immer. Die Professor:innen, die jetzt bei den HAWs kommen, die, das sind immer promovierte Leute, die in hochkarätigen Firmen halt Leitungsfunktionen, Forschungsprojekte in die Entwicklung von was weiß ich, Fahrsystemen in irgendwelchen Fahrzeugen oder im ländlichen Raum oder sonst was gemacht haben. Und die kommen an die Hochschulen, wollen auch forschen und bringen auch stellenweise gute Kontakte mit angewandter Forschung. Ja, und wenn ich das nicht irgendwie auf die Spur bringe in der Kommunikation, dann brauche ich mich nicht wundern, wenn ich ein Wahrnehmungsproblem habe.
Ina Teloudis
Jetzt sind wir ja schon ganz doll drin in der Praxis eigentlich, ne? Ich wollte natürlich auch noch mal ein bisschen Mäuschen spielen und hören, wie es bei euch läuft, ob ihr da so ein bisschen gucken lasst. Ralf, was gibt es für Projekte aktuell? Was läuft an? Was steht an in Sachen Wissenschaftskommunikation in Osnabrück an der Hochschule an?
Ralf Garten
Ja, in Osnabrück haben wir, wie gesagt, das Glück, dass wir vor 4 Jahren im Projekt GROW, Teilhabe für die Region Osnabrück-Emsland, hier so das kleine Herzprojekt da gestalten durften. Nennt sich, wie gesagt, Werkstatt Wissenschaftskommunikation und hat 2 Säulen. Das eine ist, dass wir mit unserem Partner NAVIK so wie so eine kleine Akademie aufgebaut haben, um eben Forschende, Doktorandinnen, Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter schulen und ausbilden im Thema Wissenschaftskommunikation. Von der Basis über, wie mache ich einen Podcast, wie schreibe ich gut, wie kann ich was gut vortragen, wie bringe ich verschiedene Zielgruppen an ein Exponat ran, bis hin zu, wie werde ich ein erfolgreicher Science Slammer:in? Und auch das funktioniert großartig, diese Formatentwicklung auch, dass wir dann für diese Menschen halt dann auch Formate bauen und sie dann auch auf die Bühne schicken. Und ja, vor ein paar Wochen waren hier halt 500 Leute in einem wunderbaren Saal und haben einen Science Slam Wettbewerb gemacht und die Gewinner fahren jetzt zur IdeenExpo nach Hannover. Und das ist so ein Beispiel, was wir da machen. Aber wir merken auch, dass halt aus dieser, ich nenne es mal Ausbildung, dann auch verschiedene Social-Media-Kanäle entwachsen. Also das heißt, dass Forschungscluster oder auch ganze Forschungsbereiche sagen, wir möchten jetzt auf LinkedIn oder was selbstständig sein. Die sind geschult, die wissen, was sie tun, die stimmen so ein bisschen Redaktionsplan mit uns ab und können dann loslegen. Und da kommen wirklich sehr gute Ergebnisse raus.
Ina Teloudis
Interessant. Also Wissenschaftskommunikation und Social Media ist ja immer so ein bisschen schwierig oftmals. Also LinkedIn mag gehen, aber wenn es dann Richtung Instagram und TikTok geht, tut sich der eine oder andere ein bisschen schwer mit.
Ralf Garten
TikTok, auch das geht, gibt gute Beispiele, kann man auch machen, aber erreicht man natürlich jetzt nicht unbedingt die Zielgruppe, die man da vielleicht erreichen will. Aber auch das, was Philipp gesagt hat: Wir kriegen trotzdem irgendwie Kontakt. Es ist ein Thema, wo man zumindest so einen Touchpoint kriegt und was man da immer daraus macht. Natürlich für etwas tiefergehende Formate ist LinkedIn, YouTube oder eben Podcast natürlich dann zielführender, weil man da tiefer reingehen kann. In TikTok, da bin ich sekundenweise dabei und dann bin ich wieder weg. Aber auch das ist nicht unwichtig.
Philipp Schrögel
Würde ich ein kleines bisschen widersprechen, doch ein kleines bisschen schon widersprechen. Ich glaube schon, dass es möglich ist, und das ist nun selber eigentlich gar nicht meine Cup of Tea, wie man so sagt. Aber ist natürlich eine Frage ganz klar der Plattformlogik und wo passt es hin? Und passt eben ein institutioneller Zugang, passt eigentlich nicht auf TikTok oder auf Instagram so richtig. Da gibt es ein paar, die es ganz solide machen, handwerklich, aber das sind halt eigentlich hochpersonalisierte Kanäle, hochpersonalisierte Formate.
Ina Teloudis
Ja, wo es am Content Creator hängt. Ja, ja, da hast du recht.
Philipp Schrögel
Es gibt super erfolgreiche Content Creatorinnen, also jetzt nehme ich doch mal gleich dieses Wort dort, die entweder selber Wissenschaftlerin das nebenbei machen oder aber so als Nerd-Hobby über ein bestimmtes Nischenthema enorm viel Information vermitteln, eben in anderen Formaten. Dann ist es so eine Minute über, was weiß ich, spätrömisches Erbrecht und das findet Abrufer:innen da, weil es ein ganz anderer Zugang ist als: Ja, wir sind das Projekt und wir informieren jetzt hier, was wir in den nächsten— also ich übertreibe jetzt ein bisschen. Aber es gibt erstaunlich schlimme Instagram-Projekt-Kanäle aus der Wissenschaft und da ganz anders ranzugehen. Und manche Hochschulen machen das ja dann, wenn die eben solche gezielt als Botschafter da dann auch tatsächlich personalisierte Zugänge auf diesen Kanälen aufbauen. Ich glaube, das ist der Weg und da muss man dann auch wieder sagen, vielleicht ist das etwas, da müssen dann Institutionen die Sachen aus der Hand geben, sagen, wenn es eben anders läuft, dann unterstützen wir doch auch, wenn man das vielleicht so, diese große Furcht, oh mein Gott, wir haben es ja nicht unter Kontrolle, Stichwort strategische Kommunikation. Aber wir haben bei uns an der Fakultät für Biologie ist eine, die macht, fiktives Beispiel, die macht Wald-Content und ist damit super erfolgreich. Dann nutzen wir es doch, dann unterstützen wir die, bieten ihr vielleicht auch was an und lassen sie aber ihr Ding machen. Kannst du vielleicht das Uni-Logo oder das Hochschullogo präsentieren und darf einmal der Präsident durchs Bild laufen? So, nee, das möchte ich eigentlich nicht. Also gut, das wäre mir vielleicht sogar lustig.
Ina Teloudis
Das könnte lustig sein, ja.
Philipp Schrögel
Das eben genau auch so, wie es funktioniert, zu betreiben.
Ralf Garten
Aber das ist ja auch der Punkt, den ich gemeint habe, dass man die Leute halt befähigen soll, das zu tun. Wenn ich mit dem Kanal nichts zu tun habe, dann werde ich es auch nie machen. Und deswegen ist schon gut, wenn wir da an irgendeiner Stelle Ressourcen schaffen und sagen, ja, so könnte es gehen und jetzt hast du den Kanal kennengelernt, jetzt leg mal los.
Ina Teloudis
Ja, schließt sich aber auch wieder so ein bisschen der Kreis, was du eingangs sagtest, Ralf. Das ist natürlich, man muss gucken, wo liegt die Expertise? Die liegt natürlich bei euch in den Kommunikationsleitstellen, sage ich mal so. Und da muss dann auch Vertrauen da sein in alle Richtungen, zu sagen, okay, die wissen, was sie tun, sie wissen, warum sie es da tun, sie wissen, warum sie es so tun. Und da schließt sich der Kreis mit den Content Creatoren natürlich auch.
Ralf Garten
Ja, es gibt natürlich auch Expertinnen, die mit Social Media aufgewachsen sind, die aus der Wissenschaft, Forschung und auch Naturwissenschaften kommen. Überhaupt kein Thema. Und auch da kann man miteinander lernen. Es ist ja nicht so, dass wir jetzt im Elfenbeinturm sitzen und alles besser wissen. Ach dieses TikTok, nein. Aber wichtig ist halt so, dass grundsätzlich dieser Kommunikationsabteilung mit ihren Social-Media-Leuten erst mal zugestanden wird, dass sie das können. Und wenn diese Basis da ist, dann kommt man wunderbar mit allen Forschenden halt an der Hochschule ins Gespräch, mit Themen auch zum gesellschaftlichen Engagement und so weiter. Das ist auch für mich Wissenschaftskommunikation. Und kann wunderbare, tolle Formate kreieren und umsetzen. Und dieses Vertrauen muss auch da sein, dass die wissen, was sie tun, und die nehmen Leute mit ins Boot, die auch wissen, was sie tun.
Ina Teloudis
Philipp, jetzt möchte ich gerne noch mal einmal kurz zum Anfang zurückspulen. Die Projekte, die du kurz angerissen hast, gibt es da auch Social-Media-Kanäle für? Ich möchte was über diese Projekte noch mal mehr erfahren von dir.
Philipp Schrögel
Also tatsächlich nein, was jetzt daran liegt, dass dass mein persönlicher Schwerpunkt, Tätigkeits- und Interessensschwerpunkt, auf Vor-Ort-Interaktionsformaten liegt. Und deswegen, wir hatten natürlich bei ein paar älteren Projekten, so wie es sich gehört, ja, da macht man einen Instagram-Kanal dazu, aber der war tatsächlich einfach tatsächlich nur so ein bisschen Projektankündigung. Wir haben so ein bisschen gespielt und jetzt bei, mal gucken, für das ganz aktuelle Projekt haben wir es noch nicht entschieden. Vielleicht das Brettspiel-Projekt. Genau, das müssen wir mal gucken. Da gibt es natürlich einer unserer Projektpartnerinnen, der hat selber einen sehr erfolgreichen Blog zu Brettspielen und Wissenschaft ist da aus dem geschichtswissenschaftlichen Bereich und Instagram-Account, ist die Frage: Müssen wir überhaupt so was Neues aufbauen oder konzentrieren wir uns eigentlich auf den Kern des Geschäftes? Weil ich glaube, das ist vielleicht so eine große Kunst, die mittlerweile bei diesem Boom der Wissenschaftskommunikation eigentlich wieder viel mehr gefragt ist, auch mal Nein zu sagen. Also lieber kein Instagram-Account als einen schlechten.
Ina Teloudis
Ja, voll.
Philipp Schrögel
Und zu sagen, wir haben das. Oder ein anderes Beispiel: Wir hatten zuvor ein Projekt, das ist jetzt als Hauptprojekt abgeschlossen, läuft aber noch weiter, indem wir Wissenschaft gezielt in den ländlichen Raum bringen wollten. Nämlich auch genau diese Frage: Wen erreichen wir eigentlich und wen erreichen wir nicht? Und eben ist es so ein 10-Kilometer-Umkreis um die Hochschulstandorte meistens und dann wird es recht dünn. Nein, wir möchten eigentlich noch weiter nach draußen gehen. Hatten so ein Projekt gemeinsam mit der Hochschulrektorenkonferenz und Kongressa umgesetzt, das Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zurück in ihr Heimatdorf bringt und dann dort in der Kneipe, im Sportheim oder wo auch immer, wo sie vielleicht auch persönliche Bezüge haben, wo sie selber noch irgendwie Vereinsmitglied sind oder die Familie seit 3 Generationen im Schützenverein und dort über Wissenschaft sprechen. Das funktioniert über diesen hochpersonalisierten und geradezu hyperlokalen Ansatz. Das heißt, die Projektwebseite, die wir aufgesetzt haben, ist eigentlich im Wesentlichen für Forschungseinrichtungen relevant, die irgendwann an dem Projekt mitwirken sollen. Die Ankündigung findet über den Vereins-WhatsApp-Newsletter statt oder über das Amtsblättchen der Gemeinde oder meinetwegen noch über die Lokalzeitung oder über den Aushang am schwarzen Brett, der in diesen dörflichen Strukturen durchaus auch noch eine wichtige Rolle spielt. Da brauchen wir keinen zentralen Instagram-Account, weil es einfach die Zielgruppe der Veranstaltung nicht ist. Wir berichten über das Projekt. Das machen wir dann aber eher im wissenschaftlichen Kontext oder auf Fachveranstaltungen, gut, also wir brauchen keinen eigens eingerichteten Social-Media-Kanal dafür.
Ralf Garten
Und diesen Punkt, das Heimspiel Wissenschaft nennt sich das ja, dieses Projekt von Kongressa und der HHK, das haben ja viele aufgenommen, wir auch, also Finanzierung schon lange ausgelaufen und das Format, was wunderbar funktioniert, also im Schützenverein, bei der Feuerwehr, im alten Gymnasium, auf der Kegelbahn, also wir haben unterschiedlichste Formate schon bespielt und das genauso, das ist so kleine Mikrogesellschaften, die sich dann halt da so finden. Also die kennen sich alle und das ist eine ganz tolle Erfahrung, dass man in vertrauter Umgebung mal über was ganz anderes spricht und die alten Kollegen und die alten Mitschüler oder auch die alten Feuerwehrkameraden einen ganz anders wahrnehmen. Was macht der da eigentlich? Und dieser kommunikative Ansatz, dass man wirklich im vertrauten Feld mal fachlich redet, das ist hochspannend. Da kommen auch ganz andere kritische Fragen mal, weil so nach dem Motto: Ich verstehe das ja, erklär mir das noch mal weiter so. Und es ist wirklich grandios, dass dieses Format funktioniert. Funktioniert. Braucht Ressourcen, man muss irgendwie halt natürlich gucken, wie komme ich dahin, wie bringe ich ein bisschen Technik mit, dass ich einen Bildschirm habe, irgendwie was zeigen kann, vielleicht auch ein Mikro oder irgendwie sowas, ne? Und 1, 2 Personen, die das mit betreuen. Und da scheiden sich dann manchmal so ein bisschen die Geister, und da müssen wir hin, dass wir im Prinzip so die Puste für genau diese Formate finden.
Ina Teloudis
Das gibt's jetzt schon ein paar Jahre, habt ihr gesagt. Wenn wir jetzt mal 2, 3, 4 Jahre nach vorne gucken, was verändert sich? Wie sieht's aus? Wie sieht's dann aus? Was sind so, ich meine, wenn ihr es wüsstet, dann würdet ihr es schon machen, aber was könnte sich verändern? Was wird sich verändern?
Ralf Garten
Also ich glaube, es wird hoffentlich nach wie vor wichtig sein, dass man direkt ins Gespräch kommt und Teilöffentlichkeiten partizipativ in irgendwelche Prozesse mit einbindet. Also das sollte auch für uns alle so das große Ziel sein, dass wir das nicht vernachlässigen, weil dieses direkte Gespräch, in die Augen blicken, auch mal streiten ist unverzichtbar zu allen digitalen Formaten. Und auf der anderen Seite wird sich natürlich das Thema Digitalisierung, KI in der Wissenschaftskommunikation extrem auch auswirken. Auch unter dem Hinblick, dass wir gucken müssen, was ist wahr und was ist nicht wahr. Wir brauchen da irgendwie auch Tools, die uns helfen, das irgendwie dann auch einzuordnen. Und wir müssen, ich glaube, auch verständliche Formate in diesen digitalen Räumen noch finden, die vielleicht noch besser geeignet sind, Kommunikation über Wissenschaft halt an die Zielgruppen zu bringen.
Philipp Schrögel
Ja, ich glaube, das ist ein ganz zentrales Stichwort, überhaupt auch erstmal noch mal sehr viel ehrlicher die Frage nach Wirkung und Effekt von Formaten zu betrachten. Und da passiert schon sehr viel. Seit einigen Jahren ist tatsächlich auch jetzt Evaluation mit der Wissenschaftskommunikation sehr viel präsenter. Und es reicht ja nur, eine Idee zu haben, und es reicht aber auch nicht nur mal auf den ersten Blick hinzuschauen. So mein Lieblingsbeispiel, das ist jetzt nicht in der Zukunft, sondern gerade aktuell noch, dann wird immer: Ja, wir sind ja online, da erreichen wir ja alle, weil alle sind online. Und das stimmt offenkundig nicht. Da braucht man, der erste Blick reicht dann schon auf die Zugriffszahlen. Aber selbst der, dann werden YouTube-Videos hochgeladen und sagen: Hier, immerhin, wir haben doch 500 Abrufe. Man kann ja bei YouTube dann mal genau hingucken, wie lange schauen denn diese Leute das überhaupt an? Und dann schauen halt 80% der Leute nach 5 Sekunden wieder weg. Weil es doch nicht spannend ist, weil es eben ein abgefilmter Vortrag ist und kein extra produziertes Format. Und da doch mal sehr, sehr viel genauer hinzuschauen und eben den Mut zu haben, tatsächlich dann auch andere Formate anzubieten. Und dann gibt es also, da sind sehr viele Befindlichkeiten dabei, was so: Ach Gott, was ist das Bild meiner Forschungseinrichtung? Wir können doch das jetzt hier nicht albern, oder wir können es doch nicht irgend so einem Influencer in die Hand geben. Aber das ist also, das wird eine sehr viel stärkere Rolle. Und da ist ja so viel passiert in den letzten 10 Jahren. Was vielleicht insofern auch wieder relevant ist, weil auch ein weiterer Prozess, und ich glaube, Ralf hat es vorhin schon mal ganz kurz das Thema angesprochen, natürlich, wir sprechen jetzt über Kommunikation von Forschenden aus Hochschulen oder auch direkte Interaktion, Partizipation. Es gibt ja noch das ganze System der Massenmedien, was, wie wir alle wissen, in einem massiven Umbruch ist, oder ich würde sagen Niedergang im klassischen Sinne, mit den eingeschränkt funktionierenden Online-Geschäftsmodellen, dem Zusammenbruch der klassischen Abonnentenzahlen. So, man könnte quasi sagen, die Zeitung stirbt mit ihren letzten Absolvent:innen so langsam, die nächsten Jahre gar aus. Dabei wäre es eigentlich enorm wichtig, also gerade auch wieder, wir sehen ja erste Ansätze, dass die Bedeutung von Lokaljournalismus wieder ganz, ganz anders erkannt wird und eben Wissenschaftsjournalismus auch, der seit eh und je eigentlich ein quersubventioniertes Luxusgut ist, was aber eigentlich essentiell ist, wenn wir denn die Bedeutung, die wissenschaftliche und technische Erkenntnisse, Grundlagen, Diskussionsprozesse für die Gestaltung des Lebens haben. Also wenn man erkennt, wie wichtig das ist, aber eben auch da sich im Wissenschaftsjournalismus nicht nur irgendwie wie wir brauchen nicht jetzt eine Stiftungsförderung, die weiter Reportagen bezahlt, wie man sie vor 30 Jahren mal gemacht und gebraucht hat, sondern darüber weiter nachzudenken, wie kann ich in— da passiert ja einiges— in neuen Kooperationen, in neuen Formaten, da wieder kritisch reflektierend über Wissenschaft, deren— und dann sind wir wieder dabei— deren Bedingungen, deren Prozesse, deren Institutionen. Was kann denn dieses neue Ergebnis der Hochschule XY wirklich? Oder Hochschule X sagt das, Hochschule Y haben wir einen Professor, der sagt was anderes. Wie ordnen wir das Ganze nun ein? Müssen wir vielleicht mal ein lokales Diskussionsforum machen und so weiter. Ich glaube, da muss sehr viel passieren. Ich habe noch kein Bild, wie das tatsächlich aussehen wird, weil da sehr viel im Umbruch ist. Aber da sehe ich auf jeden Fall viel Entwicklung.
Ina Teloudis
Also mein ganz privater Blick darauf wäre auch vor allem, dass es einfach auch Zielgruppen gibt, die auf diesen herkömmlichen Wegen, sage ich mal, auch gar nicht mehr erreicht werden. Also du hast lineares Fernsehen genannt. Also mein Sohn ist fast 14. Ich weiß nicht, ob der jemals schon irgendwie lineares Fernsehen geguckt hat. Ich glaube nein.
Ralf Garten
Genau, nö, wird er nicht, sondern wird halt seine Filmchen über YouTube und andere Formate erzählen. Oder Mediatheken. Genau, Mediatheken. Ganz viel, aber auch die Mediatheken, also deswegen die Mediatheken der öffentlichen Rechtlichen sind ja auch oder auch der privaten sind ja auch eine Fundgrube und da gibt es auch stellenweise hochkarätige, richtig gute Formate, die da gemacht werden. Deswegen würde ich an der Stelle mal kurz widersprechen. Ich sehe den Niedergang noch nicht. Ich sehe, dass es schwierig ist, fällt es ganz klar, da sind wir uns einig, aber ich habe die Hoffnung, dass wir gemeinsam und da gibt es jetzt auch wieder Formate wie zum Beispiel das Swisscom Kolleg von zwei Stiftungen, wo Journalistinnen und Kommunikator:innen Wissenschaftlerinnen in einem Wisskomm-Kolleg halt ihre verschiedenen Perspektiven mitbringen und gemeinsam gestärkt rausgehen und die Wissenschaftskommunikation bespielen. Und ich glaube eher, solche Formate sind dazu geeignet, eben auch in verschiedenen Fernsehsendern, Radiosendern halt vielleicht wieder mehr Verständnis herzukriegen, dass Wissenschaftskommunikation ein wichtiger Aspekt ist, was auch Zuhörende, Zuschauende und Lesende fängt und man da auch Klickzahlen generieren kann. Also von daher, es ist nicht alles oberflächlich. Und die Hoffnung stirbt zuletzt.
Philipp Schrögel
Ich glaube, dann sollten wir unbedingt das Science Media Center erwähnen, die in diesem Bereich sehr viel auch erforschen, erproben, erkunden, aber eben auch als Serviceangebot für insbesondere Lokalredaktionen und auch Redaktionen, die nicht mehr eine eigene Wissenschaftsredaktion haben, dort auch Materialien Expert:innen zugänglich machen, um dort auch wieder in die Breite Wirkung zu erzielen.
Ina Teloudis
So, einmal kurz die Frage in die Runde: Haben wir was Wichtiges vergessen?
Philipp Schrögel
Ich würde vielleicht noch einmal bei den Fragen, wen wir erreichen und wen wir nicht erreichen, anknüpfen. Ist ein bisschen eigennützig, weil das einer meiner Schwerpunkte ist, aber da noch mal vielleicht ein bisschen differenzierter drauf zu schauen. Also das Phänomen ist da, das haben wir jetzt ja alle auch gesagt: Wen erreichen wir eigentlich? Und ich nehme es aber schon so wahr, dass es in der Praxis an manchen Stellen immer noch so: Ach ja, die interessieren sich halt nicht, die wollen halt nicht oder so. Das ist halt schwierig. Die lesen ja kein Buch mehr. Oder die lesen ja keine Tageszeitung mehr. Wie soll man die denn erreichen? Das geht so ein bisschen verloren. Ein bisschen einher in so manchen wissenschaftspolitischen Diskussionen mit etwas allgemeinem Kulturpessimismus, würde ich mal sagen. Da ist natürlich auch viel dran, aber es ist ein sehr, sehr differenziertes Phänomen. Und dieses Projekt „Heimische Wissenschaft im ländlichen Raum" baut auf, auf einem vorherigen Projekt, wo wir eben angeguckt haben: Wer sind denn eigentlich alles Personen, Bevölkerungsgruppen, die nicht erreicht werden? Und da gibt es ein sehr, sehr vielfältiges Feld. Und eben auch mal anzuerkennen, dass, nun ja, wenn ich in hoch prekären Situationen lebe, von Transfergeld abhängig bin, in einer schwierigen Umgebung, in einem halb illegalen Mietverhältnis, dass ich dann nicht zum Abendvortrag über Astronomie gehen möchte, weil ich ganz andere Sorgen in meinem Alltag habe. Es erst mal anzuerkennen und nicht zu sagen: Ja, die müssen wir doch einfach nur motivieren, dann kommen sie doch jetzt auch zu unserem Vortrag oder selbst zu unserem partizipativen Projekt. Also das ist dann wieder sehr eng auch mit Gesellschaftsgestaltung und allgemeiner Gesellschaftspolitik verbunden, was man dann nur im kleinen Kontext mit Wissenschaftskommunikation lösen kann. Aber sich zumindest dafür bewusst zu sein und dann zu sagen: Es ist aufwendiger, es kostet mehr Ressourcen, aber dann mache ich eben ein Schulangebot und habe nicht die sichere Bank, ich schreibe meinen Workshop aus und dann kommen die drei gleichen Gymnasien, davon eins irgendwie das Eliteinternat XY, die sind auch immer schön, die machen mit, die stellen kluge Fragen, das macht mir als Forschender große Freude, mit denen zu arbeiten. Also würde es mir ja auch, sondern sagen, nein, gehen wir auch mal woanders hin von Personen, gehen wir an Mittelschulen, gehen wir an Haupt- und Realschulen, je nach Bundesland, wie es halt eben heißt, sagen, nein, wir möchten da einen Zugang bieten und auch mal ganz anders anfangen, weil da gibt es noch so so viel einfach an Möglichkeiten.
Ralf Garten
Genau, kann ich nur unterstreichen halt bei den Formaten, die wir hier so machen im Transfer- und Wissenschaftskommunikationsbereich. Also man muss auch zu den Zielgruppen hingehen, also die für eine hochkarätige Podiumsdiskussion hier in die Stadt zu holen bei Schnittchen und Wein ist der falsche Weg, wenn ich jetzt über Landwirtschaft rede, sondern dann muss ich auch mal dahin, wo Landwirtschaft stattfindet und mit den Bauern, mit den Herstellern und mit vielen anderen Stakeholdern reden. Wie machen wir die Landwirtschaft der Zukunft? Was sind Agrarsystemtechnologien? Was ist Sensorik? Was ist KI in der Landwirtschaft und eben in kleineren Formaten die Menschen mit holen. Und es funktioniert an vielen Stellen. Wir können es ja messen und Philipp forscht ja auch zu vielen Formaten, er kann es ja auch messen, dass wir damit schon Erfolg haben. Und wenn es auch im Kleinen ist, ist es trotzdem eine stetige Entwicklung, wo wir halt auch wirklich schwierige Themen, weil Landwirtschaft ist auch jetzt kein einfaches Thema. Wie bauen wir unsere Pflanzen an? Was ist der Acker der Zukunft? Was ist der Stall der Zukunft? Tierwohl? Das sind ja alles Dinge, die wirklich sehr konträr sind und wo es auch ganz klare Lager gibt. Und Reden hilft. Und in diesen Formaten, da sollte man weiterdenken und auch mal dahin gehen, wo es ein bisschen wehtut.
Philipp Schrögel
Ich hätte da auch noch etwas, wo es wehtut.
Ina Teloudis
Ich wollte sagen, das sind schöne Stichworte. Aber bitte ergänze.
Philipp Schrögel
Nein, das ist eher so etwas, auf das ich mit Sorge blicke. Und ich denke, das sollten wir mal kurz diskutieren. Natürlich diese ganze Entwicklung über die Stellung von Wissenschaft in der Gesellschaft, verbunden mit der Frage der Politisierung der wahrgenommenen Spaltung, die tatsächlich auch so nicht festzustellen ist, aber doch in vielen Fällen von manchen politischen Akteurinnen gezielt betrieben wird. Wir sehen es jetzt ja im hoffentlich Extremsbeispiel, aber wer weiß, wo das sonst noch so kommen kann, in den USA, wo eben wissenschaftliche Einrichtungen massiv angegangen werden von einer, da ist jetzt Person, bei uns wäre es dann eben das Äquivalent einer gewissen Parteipolitik, wo wissenschaftliche Erkenntnisse auch auf politischer Ebene infrage gestellt werden und mit Fake News, wie auch immer, vorwürfen, die selber natürlich höchstgradige absurde Fake News sind. Und das ist eben nicht nur ein Phänomen, was man sich fast so ein bisschen gruselig schaudernd wie in einem Horrorfilm in den USA anschauen kann. Wir sehen erste solche Entwicklungen gerade in kontroversen und umkämpften Feldern, auch in Europa, auch in Deutschland. Das sind die Fragen, wenn es darum geht, welche Rolle spielt Wissenschaft und Technologie in der Gesellschaft? Welche Entwicklungen werden gehypt? Wo werden manche Technologien dann als alternativlos oder nicht alternativlos dargestellt? Ich möchte jetzt auf keine einzelnen Parteienbehauptungen eingehen. Ich glaube, man kann sich denken, was gemeint ist. Es betrifft technische Zukunftsvisionen genauso aber wie Angriffe auf etliche Bereiche in den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften. Und natürlich dann Hochschulen wieder als Institutionen, die mittendrin stecken, dann auf einmal auch Teil von politischen Diskussionen sind und politischen Abteilungen. Und dann sprechen wir auf der anderen Seite von der hehren Wissenschaftskommunikation, der offenen Kurs. Wie kann es dann in diesen Kontexten stattfinden? Und da habe ich auch keine klugen Antworten noch drauf, aber ich denke, das wird noch sehr viel stärker in den nächsten Jahren auch zu beobachten sein.
Ralf Garten
Genau, und da gibt es ja schon Gott sei Dank Institutionen, die da gegründet wurden, wie zum Beispiel der Scicomm-Support, der eine wichtige Rolle spielt und bedrohte Wissenschaftler:innen da berät. Die können aber jetzt nur die Sperrpitze machen, sondern es wichtig ist, dass die Institutionen sich selber auch resilienter aufstellen und Strukturen auch schaffen, machen und ihre Leute auch schulen, damit man viele Dinge halt selbst auch regeln kann und selber Unterstützung bieten kann. Weil nichts ist schlimmer, als wenn Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen dann nicht mehr kommunizieren wollen, weil sie sich bedroht fühlen und die Erkenntnisse, die Prozesse, die sie erforschen, überhaupt nicht mehr in die Öffentlichkeit kommen. Das ist der falsche Weg. Und auch die Politik muss natürlich noch stärker da halt das verstehen, dass die Freiheit der Wissenschaft, das freie Forschen, das Diskutieren, das auch mal abwägen und aus welchen Gründen auch immer eben nicht Nachverfolgung von Forschung und Wissenschaft Normalität ist und dass man diese Prozesse unterstützen muss mit Ressourcen, auch mit Statements, mit Veranstaltungen. Es gibt viele Möglichkeiten, aber es zu ignorieren und sagen, es kein Thema, aus der Nische sind wir raus.
Ina Teloudis
Das ist ja vorbei, ne? Ja, wir haben eine tolle Folge gemacht zum Scicomm-Support!
Ralf Garten
Genau, mit Julia Wandt wahrscheinlich, ne?
Ina Teloudis
Genau, mit Julia. Das würde ich ja auch tatsächlich noch mal in die Shownotes stellen, falls der eine oder andere da noch mal ein bisschen nachlauschen möchte, was es für Möglichkeiten gibt, wie der Scicomm-Support tatsächlich auch supporten kann.
Ralf Garten
Und dieses Projekt ist ja so ein Paradebeispiel, dass aus der Wissenschaftskommunikation heraus, also Wissenschaft im Dialog und der Bundesverband haben dieses Projekt gegründet, haben es dann finanziert. Dann kamen auch so ein paar Fördergelder vom HIIG rein über die KAPAZ-Gelder und so. Und das war die Basisfinanzierung der ersten 3 Jahre. Und das sind Beiträge bei uns, Beiträge von den Mitgliedern, die da in dieses Projekt geflossen sind. Also die Hochschulen haben sich aktiv daran beteiligt. Die Mitglieder der Hochschulen haben unentgeltlich, ehrenamtlich seit vielen Jahren diese Beratung gemacht. Sonst würde das ganze Projekt nicht funktionieren. Jetzt gibt es Fördergelder auch von verschiedenen Sachen, wo man halt dieses Projekt weiterfinanzieren kann, weil der Bundesverband und Wissenschaft im Dialog, die können das jetzt nicht ewig machen, sondern es war begrenzt. Und es hat Erfolg, es wird angenommen und deswegen ist es so wichtig, dass solche Sachen eben nicht im Sande verlaufen.
Ina Teloudis
Ja, das ist gut, dass du das noch mal gesagt hast, Philipp, weil das ist ja eine ganz realistische Situation, die alle ja irgendwie vor der Brust haben.
Ralf Garten
Viele Hochschulen haben das Problem halt, da sind Tierversuche, das ist das Thema Energie, regenerative Energie und auch ganz Kernfusion. Alles kann ja Thema sein. Und auch Geschichte im arabischen Raum und so weiter und so fort. Das ist alles, das sind ganz ganz viele Konfliktfelder und es gibt da wirklich hochkarätige Forschung. Man muss doch irgendwie mal ergründen. Und der falsche Weg ist, dass wir diese Forschenden dann irgendwie halt alleine lassen und sagen: Euer Problem, weil, hättet ihr mal ein anderes Fachgebiet ausgesucht. Maschinenbau ist einfacher. Nee, das kann nicht der Weg sein.
Ina Teloudis
Ich glaube, ihr Lieben, damit sind wir schon fast am Ende. Bei unseren Folgen versuchen wir immer, die halbe Stunde, 45 Minuten noch mal zusammenzufassen mit den Main Takeaways. Vielleicht wollt ihr das heute aber gemeinsam machen?
Philipp Schrögel
Ich könnte es mit einem geklauten Slogan probieren. Ich finde, der passt sehr gut zur Wissenschaftskommunikation.
Ralf Garten
Mach doch.
Philipp Schrögel
Ich denke, wir haben zum einen gesehen, dass es eine wahnsinnig komplexe Landschaft ist und einfache Erklärungen werden der nicht gerecht. Das sind vielschichtige Akteur:innen, vielschichtige Phänomene und es ist nicht einfach mal schnell machen. Gleichzeitig aber auch die Ermutigung, neue Formate auszuprobieren, in neuen Strukturen zu denken und kreativ zu sein. Und ich finde, das fasst eigentlich sehr gut der Slogan von Deutschlandfunk zusammen: Es ist kompliziert, dazu guter Pop.
Ina Teloudis
Okay, gefällt mir.
Ralf Garten
Kann ich nur unterstreichen. Mut für neue Wege, neue Formate, Mut auch zur Diskussion, Mut zum Gespräch und Mut für die Institutionsleitung, also Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Wissenschaftseinrichtungen und auch andere, da mal Ressourcen reinzugeben und nicht gerade an der Stelle zu kürzen.
Ina Teloudis
Ich würde gerne noch das Buzzword Vertrauen reinschmeißen.
Ralf Garten
Naja, also Vertrauen in die Institutionen, aber auch Vertrauen in die Gesellschaft. Wenn wir gute Wissenschaftskommunikation machen, werden wir auf mittlere Sicht ein höheres Vertrauen in der Gesellschaft bekommen. Davon bin ich felsenfest überzeugt.
Philipp Schrögel
Das ist die sehr zentrale Ausführung dazu, weil ich sage mal leicht die Nackenhaare aufstellen, weil die ganzen Diskurse, so Vertrauen in die Wissenschaft, der gerade in manchen Führungsebenen und auf manchen politischen Ebenen, mein Gott, wir brauchen mehr Vertrauen in die Wissenschaft. Vertrauen muss man sich verdienen. Und wir haben gerade in den letzten Jahren und in der Covid-Pandemie gesehen, dass eben auch nicht jede Person aus der Wissenschaft heraus notwendigerweise Vertrauen verdient und dass gleichzeitig so ein sehr eindimensionales Vertrauensverständnis dem einfach nicht gerecht wird. Denn wir sind gerade, es gibt Themen, da geht es nicht. Es geht nicht darum, folgt der Wissenschaft, die sagt euch was Richtiges. Nee, tut sie nicht. Es gibt Optionen, da können unterschiedliche Interessen betroffen sein, da können unterschiedliche Wertegrundlagen betroffen sein, da können unterschiedliche wissenschaftliche Einschätzungen betroffen sein. Also auch wieder, es ist einfach sehr kompliziert. Das heißt also, das Mindestmaß wäre eigentlich schon das, was ich aus der Vertrauensforschung zur Wissenschaftskommunikation etabliert habe, mindestens eigentlich vom informierten Vertrauen zu sprechen, was eben genau diese Reflexion über betroffene Aspekte beinhaltet. Und weil es Ralf gerade eben auch noch mal gesagt hat, auch Vertrauen in die Gesellschaft zu haben, denn die ist es nun ja, die die Bedingungen zur Verfügung stellt und die auch einbezogen werden kann, die in partizipativen Prozessen etwas beitragen kann, um das nicht einfach abzutun.
Ina Teloudis
Wir müssen reden. Ja. Danke, Ralf. Danke, Philipp, für diese sehr ehrliche, schöne Runde, dass ihr ein bisschen geplaudert habt und ein bisschen mit uns geteilt habt, was euch bewegt in Sachen Wissenschaftskommunikation. Das war Folge 20 von Inside Hochschulkommunikation, powered by Bundesverband Hochschulkommunikation und Mandarin Edu. Danke fürs Zuhören und bis in 14 Tagen.